Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/464/
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Die Phantasie in der Kunst. 
dem ist aber 256 — 243 = 13 — 1+3 + 9? d. h. gleich dem Punkt, 
der einfachsten Flächenzahl (3) und ihrem Quadrat1). Endlich 
bestand, wie uns Aristoteles berichtet, die ganze Skala ursprüng¬ 
lich nicht aus 8, sondern aus 7 Tönen, indem der Ton c) der 
darum oben eingeklammert ist, ausfiel. An diesem ursprünglichen 
Heptachord trat also die 7 als die das Ganze beherrschende heilige 
Zahl hervor. 
Nun könnte man vermuten, diese Zahlenmystik der Pythagoreer 
sei erst nachträglich auf die Tonskala angewandt, diese selbst aber 
sei lediglich durch das musikalische Gehör gefunden worden, so 
daß man die Saiteninstrumente ursprünglich nur nach diesem ab¬ 
stimmte. Auch ist dies wohl die gewöhnliche Meinung der Musik¬ 
historiker. Aber dieser Annahme widerspricht sowohl der Einfluß 
jener Zahlenmystik auf alle andern Zeit- und Raumteilungen, wie 
auch der Umstand, daß das Heptachord das ursprünglichere Instru¬ 
ment war, das erst später, und nun allerdings unter dem Zwangt 
musikalischer Motive, durch die Einschaltung des fehlenden Tones 
zum Oktachord ergänzt wurde. Als dies geschah, hatte die alte 
Zahlenmystik sicherlich noch nicht ihre Macht eingebüßt — sonst 
hätten sie schwerlich die Pythagoreer noch in viel späterer Zeit auf 
das Tonsystem angewandt. Aber wenn man die Oktave wegen ihrer 
großen Klangverwandtschaft als eine Wiederholung des Grundtons 
betrachtete, wie das seit alter Zeit geschah, so mochte man sich 
wohl damit beruhigen, daß die Skala als solche nunmehr sieben¬ 
stufig geblieben sei. Auch andere orientalische Völker, vor allem 
die Chinesen und die Inder, haben musikalische Skalen entwickelt, 
die in sieben oder auch, wie die chinesische, ursprünglich in fünf 
Stufen die Oktave durchlaufen, und bei denen zwar, so gut wie bei 
den Griechen, frühe Übertragungen wirksam gewesen sein mögen, 
deren weitere Ausbildung aber jedenfalls unabhängig erfolgt ist3). 
*} Vgl. A. Boeckh, Philolaos des Pythagoreers Leben nebst den Bruchstücken 
seines Werkes, 1819, S. 78. Ans den Fragmenten des Philolaos wie ans den Mer 
einschlagenden Zahlenspekulationen des Platonischen Timäos (8, 35 ff.) ergibt sich 
übrigens, daß die symbolische Deutung dieses Halbtonintervalls den Pythagoreero 
manche Schwierigkeiten bereitete, so daß die Erklärungen auseinaudergingen. 
«) Über indische Tonskalen vgl. Abraham und von Hornbostel, Sammçl bände 
der internat Musïkgesellsch., V, 1904, S. 380 ff., über chinesische Musik B. J. Gtlman,
        

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