Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/460/
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Die Phantasie in der Kunst 
die 7, die Zahl der alten sieben Planeten oder, was wahrschein¬ 
lich das Ursprünglichere ist, der sieben Wochentage, die durch 
Teilung des zu 28 Tagen gerechneten Mondzyklus in seine vier an 
der Mondgestalt erkennbaren Viertel entstanden. Daraus ergab sich 
weiterhin als die dieser Teilung zugrunde liegende Zahl die 4, und 
ihr schloß sich endlich die schon wegen ihrer arithmetischen Eigen¬ 
schaften besonders hochgeschätzte 3 an, die »vollkommene« Zahl, 
die, wie ihre geometrische Darstellung im Dreieck zeigt, ein ge¬ 
schlossenes Ganzes, gewissermaßen einen Kosmos im kleinen, reprä¬ 
sentiert. Nicht selten kommt dazu auch noch die 5, da sie die 7 
zur 12 ergänzt, und endlich die g und die 27, das Quadrat und der 
Kubus der Zahl 3, die 27 überdies als die annähernde Zahl der 
Tage eines siderischen Mondumlaufs. Bei der Fülle dieser »heiligen 
Zahlen« war es unvermeidlich, daß einzelne wieder den Vorrang 
gewannen, und daß andere nur aushilfsweise Verwendung fanden. 
Solche besonders bevorzugte Zahlen waren zumeist die 7, die 3 
und die 12, neben der letzteren auch noch die durch ihre Drei¬ 
teilung gewonnene 4, wogegen 1 und 2 weniger als heilige Zahlen 
denn als natürliche Darstellungen der Totalität eines Dinges und 
seiner symmetrischen Teilung galten. 
Diese Zahlenverhältnisse bestimmten nun zunächst alle Zeitein¬ 
teilungen, und von ihnen aus wurden sie auf Raum und Gewicht, 
dann aber auch, wie das besonder bei der Drei-, der Zwölf- und 
der Siebenzahl geschah, auf die Anzahl der Personen, die man 
für bestimmte Gemeinschaftszwecke erforderlich hielt, übertragen. 
Daß diese Zahlen ohne allen Einfluß auf die Abstimmung der 
musikalischen Instrumente geblieben sein sollten, ist eigentlich von 
vornherein kaum denkbar. Nach den Zahlen, mit denen man 
Zeiten, Räume und Gewichte maß, mußte man natürlich auch die 
Dimensionen der tongebenden Werkzeuge messen, und begreif¬ 
licherweise wird man von frühe an hier ebenfalls den für besonders 
heilig gehaltenen Zahlen, wo es möglich war, den Vorzug gegeben 
haben vor andern. Als sich nun vollends in dem Augenblick, wo 
man überhaupt die Saitenlängen zu messen begann, das lange vor 
diesem Eindringen der Zahlenmystik schon um seiner rein subjek¬ 
tiven Eigenschaften willen bevorzugte Oktavenintervall dem einfach¬ 
sten Zahlenverhältnis 1 : 2 fügte, da war es unvermeidlich, daß die
        

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