Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/454/
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Die Phantasie in der Kunst. 
gilt selbstverständlich von vornherein da, wo mehrtönige Musik¬ 
instrumente überhaupt nicht existieren. Es gilt aber wohl auch für 
die meisten andern Gebiete, wo solche Instrumente zwar zur Aus¬ 
bildung gelangt sind, jedoch feste Regeln für die Konstruktion der¬ 
selben fehlen. Die Schilderungen der meist mit Tanz und Instru¬ 
mentalmusik begleiteten Gesänge solcher Naturvölker sind in der Regel 
darin einig, daß dabei der Gesang und die Instrumente nahezu unab¬ 
hängig nebeneinander hergehen, indem sie sich zwar im Rhythmus, 
aber oft nicht im geringsten in der Tonführung nacheinander richten. 
Dazu kommt, daß die Instrumente selbst offenbar noch nicht nach 
einer einheitlichen Norm abgestimmt und also bei ihrem eigenen 
Zusammenklingen von Konsonanz weit entfernt sind. Das gilt selbst 
von den musikalisch verhältnismäßig hochbegabten afrikanischen 
Rassen, abgesehen von einigen nordafrikanischen Stämmen, bei 
denen asiatische Einwirkungen die Musikinstrumente wie den Gesang 
beeinflußt haben. So ist es denn auch völlig trügerisch, wenn man 
auf Grund der Untersuchung der Musikinstrumente solcher Völker 
Aufschlüsse über ihre musikalischen Tonsysteme gewinnen will. 
Als festen Besitz haben sie ein solches System im allgemeinen 
überhaupt nicht, sondern ihre Melodien sind nur als ein ziemlich 
fluktuierendes Erbe ihrer Kultur in den von Mund zu Mund und 
von Ohr zu Ohr übertragenen Liedern enthalten, die, ähnlich wie 
ihr poetischer Inhalt oder wie die Stoffe der Märchen und Fabeln, 
einen sich forterbenden geistigen Besitz bilden, der weder irgend¬ 
welche Stabilität gewonnen hat, noch vollends zum Gegenstand des 
Nachdenkens und planmäßiger Erfindung geworden ist. So beschränkt 
sich denn auch unsere Kenntnis dieser primitiven Musik durchaus 
auf das, was sich der Aufzeichnung der Liedmelodie von seiten 
musikalisch wohlgeübter Beobachter entnehmen läßt. Eine solche 
Aufzeichnung nach dem unmittelbaren subjektiven Eindruck oder 
gar aus der Erinnerung ist nun freilich ein keineswegs einwandfreies 
Verfahren. Denn der Beobachter ist der Gefahr, seine eigenen musi¬ 
kalischen Assoziationen in die Melodien teilweise hineinzuhören, 
natürlich in hohem Grad ausgesetzt. Hier sind sicherlich die objek¬ 
tiven Methoden der Tonregistrierung berufen, ähnlich wie man dies 
bei der Untersuchung der Sprachlaute versucht hat, diese Unsicher¬ 
heit, soweit sie nicht in der unsteten Beschaffenheit der Melodien
        

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