Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/452/
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Die Phantasie in der Konst. 
genauere Unterscheidung bestimmter Tonhöhen möglich ist1). Erst 
die erhöhte Stimmung, die den sprachlichen Ausdruck zur gestei¬ 
gerten rhythmischen Form erhebt, verstärkt auch den Tonfall 
der natürlichen Sprechmelodie, indem sie den Stimmton dauernder 
macht und damit die Höhenverhältnisse der einzelnen Klänge deut¬ 
licher ausprägt. So wird das Lied aus den gleichen Gefühlsantrieben 
heraus, denen es seine poetische Form verdankt, zum Gesang, und 
im Gesang ordnen sich die Intervalle der Töne zu größerer Regel¬ 
mäßigkeit Dieser Erfolg ist aber nur dadurch möglich, daß der 
Mensch, wie durch seine Bewegungswerkzeuge zur rhythmischen 
Bewegung, so durch die Beschaffenheit seines Gehörs zur Unter¬ 
scheidung von Tonhöhen angelegt ist, und daß schon seine natür¬ 
lichen Lautäußerungen in ihrer Stärke und Qualität von seinen Ge¬ 
fühlen abhängen, so daß sie nun vermöge der Wechselbeziehungen 
von Eindruck und Ausdrucksbewegung selbst wieder die gleichen 
Gefühle hervorrufen können. Daran mag sich dann frühe schon 
auch die ästhetische Bevorzugung gewisser Tonintervalle vor andern 
anschließen, wie wir ja bei gewissen Singvögeln bereits Anfänge 
hierzu antreffen2). Aber wahrscheinlich ist doch auch hier das rein 
ästhetische Moment des bloßen Gefallens und Mißfallens den un¬ 
mittelbareren Gefühlsäußerungen, wie sie überall die Affekte beglei¬ 
ten, erst nachgefolgt. Dafür spricht vor allem die Tatsache, daß 
schon in dem Tonfall der gewöhnlichen Sprache deutlich die Frage, 
der Zuruf, die versichernde Aussage mit den an sie gebundenen 
Gefühlsmodifikationen sich scheiden, während hier jene ästhetischen 
Einflüsse noch völlig zurücktreten3). 
Indem so, wie wir annehmen dürfen, die Liedmelodie unter der 
Wirkung aller der Motive, die bei Tanz und Gesang Zusammenwirken, 
aus der Sprechmelodie hervorgeht, ist auch sie keine absolut neue 
Schöpfung, sondern nur eine Steigerung und Vervollkommnung 
natürlicher und ursprünglicher Eigenschaften der Sprache. In diesem 
Sinne wurzelt alle Musik schließlich in der Tatsache, daß der Mensch 
in seinem wichtigsten Sprachorgan, dem Kehlkopf, ein natürliches 
musikalisches Instrument besitzt, das innerhalb der ihm verfügbaren 
*) Vgl. Bd. i2, II, S. 416. 
2) Vgl. Bd. I2, I, S. 258 ff. 
3) Vgl. Bd. I2, II, S. 423 ff*
        

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