Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/434/
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Die Phantasie in der Kunst. 
den phantastischen Schmuck des Körpers ersetzt, mit dem der 
Krieger im wirklichen Kampf den Feind zu schrecken sucht. Bei 
dem Jagdtanze tritt dazu allerdings noch ein weiteres weniger direktes 
mimisches Moment, indem hier einzelne der Tänzer auch die 
Sprünge und das Fliehen des Wildes imitieren. Aber dies geschieht 
meist nicht durch besondere Maskierung, sondern lediglich dadurch, 
daß die Bewegungen der Tiere nachgeahmt werden, eine Kunst der 
Mimik, in welcher der Naturmensch nicht selten eine feine Beob¬ 
achtung verrät, die an die treue Nachbildung der Tiere in der pri¬ 
mitiven bildenden Kunst erinnert (vgl. oben S. 127 f.). 
Hauptsächlich aus dem Jagdtanz hat sich wohl die Tierpanto¬ 
mime entwickelt, die sich von dem gewöhnlichen Tiertanz, bei dem 
das Tier nur durch die getragene Maske, in den Bewegungen selbst 
aber in der Regel nicht nachgeahmt wird, und der uns oben als 
ein häufiger Begleiter, der Vegetationstänze begegnet ist, wesentlich 
unterscheidet. Im Gegensätze zu der meist treuer bewahrten Be¬ 
deutung der letzteren ist die Tierpantomime gewöhnlich zu einem 
reinen Scherzspiel geworden. Sie besteht bald nur in der äußerst 
geschickten, nicht selten ganz extemporierten Nachahmung der Be¬ 
wegungen eines bestimmten Tieres, bald in zusammenhängenden 
Tanzszenen. Für den Ursprung aus den Jagdtänzen spricht es, daß 
jagdtiere und Totemtiere die beliebtesten Vorbilder dieser Tierpan¬ 
tomimen sind. Beide Eigenschaften schließen sich nicht aus, da die 
Totemtiere zwar nicht von den Angehörigen des Stammes, der in 
ihnen seine Ahnen sieht, da sie aber um so lieber von andern 
Stämmen gegessen werden*). Diese Beziehung spricht dafür, daß 
auch hier dem Übergang zum Scherzspiel ein Zustand vorangegan¬ 
gen ist, in welchem die Tierpantomimen Bestandteile von Zauber¬ 
tänzen bildeten, sei es nun, daß die Nachahmung der jagdtiere eine 
erfolgreiche Jagd oder die der Totemtiere die Hilfe der Schutz¬ 
dämonen herbeiführen sollte. Dahin gehören die Känguruh- und 
Beutelrattenspiele der Australier, sowie ähnliche Tanzspiele bei den 
Polynesiern und Melanesiern, in denen Szenen aus dem Leben der 
Tiere dargestellt werden3). Damit ist dann aber in doppelter Be- 
*) Howjäjf The native Tribes of South-East Australia, p. 144 ff. 
2) Vgl. ' über Tierpantomimen der Australier HowaU, The native Tribes etc., 
p. 631, über solche der Papuas Schellong, Globus, Bd. 56, 1889, S. 87, der Fidschi-
        

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