Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/425/
Tanz and Musik. 
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feierlichen Aufzügen und Versammlungen von Kultgesellschaften, 
ferner um Feinden oder auch um feindlichen Dämonen Furcht ein¬ 
zuflößen. Aber im ersten dieser Fälle pflegt eine solche Masken¬ 
feier immerhin mit einem Tanze zu schließen, und die sonstigen 
Maskierungen kommen nur sporadisch vor, so daß man wohl in 
dem mimischen Tanze nicht bloß den häufigsten Anlaß, sondern aller 
Wahrscheinlichkeit nach den Ursprung des Gebrauchs der Masken 
überhaupt sehen darf. In der Tat steht ja die Maske angesichts der 
allgemeinen Bedeutung des mimischen Tanzes den Motiven dessel¬ 
ben so nahe, daß sie beinahe als ein selbstverständliches Hilfsmittel 
der mimischen Nachahmung erscheint. Der Tänzer, der irgendeine 
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Gestalt nachahmt, wünscht vor allem in seinem Gesicht die Ähnlich¬ 
keit herzustellen. Dazu mag zuweilen noch der sekundäre Zweck 
kommen, der flir eine spätere Zeit der nächste geworden ist, daß 
sie ihren Träger verbirgt. Das wirkt wohl schon bei den geheimen 
Gesellschaften der primitiven Völker bis zu einem gewissen Grade 
mit Aber das ursprüngliche Motiv der Maske ist doch jedenfalls 
dies, daß sie in andern und in ihrem Träger selbst jenes Gefühl 
der Einheit mit der dargestellten Erscheinung verstärkt, aus dem 
der mimische Tanz entsprungen ist. Für den Naturmenschen ist 
darum die Maske kein bloßer Schein, sondern wie er das Bild eines 
Menschen von dessen seelischen Eigenschaften nicht trennen kann, 
so geht ihm auch etwas von dem Charakter der Maske auf deren 
Träger über, nicht anders als wie wir noch heute bei unseren Kin¬ 
dern beobachten können, daß sie sich vor einer Maske fürchten, 
auch wenn sie genau wissen, wer sich hinter ihr verbirgt. Darum 
gelten die Masken bei den Naturvölkern nicht selten ab heilige 
Gegenstände, und es ist verpönt, sie zu profanen Zwecken zu ge¬ 
brauchen. 
So hofft denn der primitive Mensch, mit dem 'Anlegen der 
Maske die Eigenschaften und Kräfte sich anzueignen, die er dem 
durch die Maske dargestellten Wesen zuschreibt. Darum haben die 
zum Tanze oder zu festlichen Umzügen angelegten Masken stets 
nur die Bedeutung lebender oder als lebend vorgestellter Wesen, 
und vermöge der überragenden Kräfte, die dem Tiere zugeschrieben 
werden, sind die Tiermasken die verbreitetsten. Nächst dem Tiere 
spielen dann noch die phantastisch gestalteten dämonischen Masken,
        

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