Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/424/
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Die Phantasie in der Kunst. 
Diese Feste und die sie begleitenden mimischen Tänze kehren 
überall auf Erden wieder, und sie bleiben, wenn auch unter mannig¬ 
fachen Verkleidungen und Verschiebungen, noch auf höheren Kultur¬ 
stufen erhalten. Doch treten nun, in dem Maße, als sich neue wich¬ 
tige Lebensgebiete erschließen, weitere Festanlässe hinzu, die bald 
ähnliche, bald nach den einzelnen Gelegenheiten verschiedene Tänze 
mit sich führen. So fordern besondere Lokal- und Berufsgötter 
sowie die Stammesheroen ihre besonderen Feste, oder indem wan¬ 
dernde Stämme sich mischen, bringt jeder Teil seine Götter und 
Heroen mit, die jetzt gemeinsam gefeiert werden. Auf diese Weise 
ist der höhere religiöse Kultus die Quelle einer zunehmenden Zahl 
von Festen, die ebensoviele Gelegenheiten zu festlichen Aufzügen 
und Tänzen bieten. Schon für die älteste Zeit zählt so der römische 
Festkalender mindestens 50 Festtage*), und in der Kaiserzeit, als 
Götter aller Nationen ihren Einzug in Rom gehalten hatten, wird 
schwerlich ein Tag vorübergegangen sein, an dem nicht mehrere 
von Tanz und Spiel begleitete Feste gefeiert worden wären. Doch 
je weiter sich hierbei die Tänze von den uns erreichbaren Ursprungs¬ 
punkten entfernen, um so mehr verlieren sie auch ihre einstige 
Bedeutung , so daß sie schließlich nur noch als ein allgemeiner in¬ 
differenter Ausdruck der Festfreude erscheinen. Zu den Quellen 
des mimischen Tanzes können uns daher nur noch jene allgemeiner 
verbreiteten, bei Völkern aller Kulturstufen wiederkehrenden Formen 
desselben zurückleiten, die in ihren Bedingungen wie in ihren Er¬ 
scheinungen bei aller Verschiedenheit im einzelnen eine gewisse 
allgemeine Gesetzmäßigkeit erkennen lassen. Dahin gehören vor 
allem die zwei wichtigen Gruppen der Saat- und Erntetänze und 
der Kriegs- und Jagdtänze. 
d. Masken als Attribute mimischer Tänze. 
Allen diesen Tänzen ist, abgesehen von dem überall bei primi¬ 
tiven Völkern in auffallenden Farben, mit Feder- und anderm 
Schmuck ausgestatteten Festgewand, als ein besonders häufiger 
Brauch die Anlegung von Masken eigen. Zwar kann die Maske 
zuweilen auch bei andern Gelegenheiten getragen werden, z. B. bei 
x) Wissowa, Religion und Kultus der Römer, S. 18.
        

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