Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/42/
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Die Phantasie. 
jedem jener physiologischen Faktoren, die bei der Auffassung eines 
körperlichen Gebildes überhaupt und so auch bei der pseudosko- 
pischen Vorstellung Zusammenwirken, ein psychisches Assoziations¬ 
motiv, das selbst wiederum aus unzähligen Motivreihen von ver¬ 
wandter Beschaffenheit besteht, und wobei jedes Glied dieser Reihe 
ein Assoziationsprodukt einzelner Sinnesempfindungen ist. Indem 
nun diese an die einzelnen Faktoren des Eindrucks, Fixierpunkt, 
Deutlichkeit und Verlauf der Konturen, gebundenen Assoziations¬ 
momente Zusammenwirken, entspringt natürlich aus ihrer aller Ver¬ 
einigung in dem so entstandenen Gesamtbilde noch einmal ein resul¬ 
tierendes Motiv, das als solches abermals assimilative Assoziationen 
auslöst. Dieses resultierende Motiv ist dasjenige, das wir zusammen¬ 
fassend das der »Bekanntheit des vorgestellten Gegenstandes« 
nennen. Die Vorstellung des Tetraeders, welche die Fig. i (S. 21) 
bei geeigneter Fixation in der einen oder andern Form erweckt, 
empfangt natürlich eine wesentliche Hilfe durch den Umstand, daß 
uns das Tetraeder eine geläufige stereometrische Form ist Ebenso 
gehört ein Ring, wie ihn die Fig. 2 in der gewöhnlichen umkehr¬ 
baren Perspektive in verschiedenen Stellungen darbietet, zu den 
bekannten Objekten des täglichen Gebrauchs, und die beiden un¬ 
gewöhnlichen Auffassungen sind wahrscheinlich die selteneren, nicht 
bloß, weil den isolierten Fixationspunkten der unmittelbare Antrieb 
von Konturen mangelt, die sich an sie anschließen, sondern auch 
deshalb, weil die resultierenden Vorstellungsobjekte selbst viel un¬ 
gewöhnlicher sind. Dennoch muß man zwei oft begangene Mi߬ 
verständnisse fernhalten. Das erste besteht in der Meinung, es handle 
sich hier um eine Vergleichung, also um eine Art bewußten oder 
unbewußten Urteilens oder gar Schließens. Davon ist in den wirk¬ 
lichen Erscheinungen nicht das geringste zu finden. Die resultierende 
Vorstellung steht vielmehr in jedem einzelnen Fall, wenn die zu¬ 
reichenden einzelnen Assoziationsmomente gegeben sind, gerade so 
unmittelbar anschaulich vor uns, wie bei jeder andern unmittelbaren 
sinnlichen Wahrnehmung. In der Tat handelt es sich ja um nichts 
anderes als um eine solche, nur daß bei der eigentlichen Wahr¬ 
nehmung die Assoziationsmomente, wie wir uns nachträglich über¬ 
zeugen können, mit den Eigenschaften des objektiv vorhandenen 
Körpers übereinstimmen, während sie bei den pseudoskopischen
        

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