Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/410/
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Die Phantasie in der Kunst. 
zunächst ein bloß formaler Begriff, der an sich über jene Ursachen 
nichts aussagt. Wie mit der Ekstase selber, so verhält es sich aber 
auch mit den Ausdrucksbewegungen, die vielleicht der ursprünglich¬ 
ste Anlaß zur Bildung des Begriffs gewesen sind. Der Ekstatische 
verrät seinen gesteigerten Seelenzustand durch heftige und unge¬ 
wöhnliche Körperbewegungen, die in einzelnen Fällen, wie bei dem 
Wutausbruch, dem Wahnparoxysmus, eine bestimmte Beziehung zu 
äußeren Objekten enthalten können, zumeist aber in an sich zweck¬ 
losen Handlungen bestehen, denen wir als einzige psychologische 
Bedeutung die beimessen können, daß sie die hoch gesteigerte 
seelische Spannung entladen, womit zugleich eine allmähliche Er¬ 
mäßigung der Affekte einzutreten pflegt. 
Da nun diese allgemeine Bedeutung der Ekstase, die die religiöse 
Gemütserhebung nur als eine besondere Form unter sich begreift, 
vor allem für die Bewegungen maßgebend ist, in denen ekstati¬ 
sche Gemütserregungen irgendwelcher Art nach außen treten, und 
da hinwiederum der Tanz nur eine spezielle, rhythmisch geordnete 
Ausdrucksbewegung darstellt, so haben wir allen Grund, zu ver¬ 
muten, daß der ekstatische Tanz schon in seinen ursprünglichsten 
Erscheinungsformen nur in dem Sinne eine einzige Quelle hat, als 
es die Steigerung der Gemütsbewegungen ist, aus der er entspringt, 
daß aber eben deshalb die besonderen Anlässe, die ihn hervorrufen 
können, ebenso mannigfaltig sind wie die Regungen des mensch¬ 
lichen Gemüts, die einer solchen Steigerung fähig sind. In dieser 
alle Richtungen des seelischen Lebens umfassenden Ausdehnung 
seiner Motive gleicht der Tanz dem Liede, dem er ja auch an Ur¬ 
sprünglichkeit am nächsten steht. Wie das Augenblickslied als 
Ausdruck momentaner Freude oder Trauer oder des hochgesteigerten 
Interesses an irgendeinem Erlebnis von dem einzelnen gesungen 
wird, so kann man auch wohl von »Augenblickstänzen« reden, die 
unabhängig neben den ausgebildeten und streng geregelten Tanz¬ 
sitten überall Vorkommen, und die möglicherweise existiert haben 
können, ehe sich diese ausgebildet hatten. Sehen wir doch auch 
den Singvogel, der sich, seinen Körper hin und her wiegend, von 
Zweig zu Zweig schwingt, oder das junge Füllen, das auf der Weide 
seinen Mut und seine Lust austobt, ihre Affekte in hüpfenden oder 
springenden Bewegungen äußern, die zwar noch keinen größeren
        

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