Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/390/
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Die Phantasie in der Knnst. 
einstige Wanderungen und Kämpfe der Finnen anklingen* Aber der 
ganze Hintergrund des Epos ist mehr ein geographischer und ethno¬ 
logischer als ein historischer. Einen Schritt näher zum eigentlichen 
Epos fuhren schon die Lieder der Kirgisen. Der Held Manas 
ist ohne Zweifel ursprünglich eine historische Persönlichkeit. Die 
Erinnerungen an die Kriege und Siege der Moslims sind überall zu 
spüren. Aber der Stoff selbst besteht ganz aus einer Reihe mytho¬ 
logischer Märchen. Ein etwas anderes Bild bieten die Lieder der 
Russen, in denen die politischen Zustände Südrußlands aus dem 
ii. und 12. Jahrhundert bestimmter hervortreten, ohne freilich auch 
hier mehr als eine Staffage zu den durchaus dem Gebiet mytho¬ 
logischer Zaubermärchen angehörenden Erzählungen zu bilden. 
Die höchste Stufe endlich nehmen dem epischen Stoff nach die 
Markolieder der Serben ein, die doch in ihrer reinen Romanzen¬ 
form vom eigentlichen Epos am weitesten sich entfernen. Die 
Türkenkämpfe des 14. Jahrhunderts, im Mittelpunkt die Schlacht 
von Kossowa, in der die Serben ihre Unabhängigkeit verloren, 
bilden den Hintergrund dieses Romanzenzyklus. Ihr Held Marko 
ist eine historische Persönlichkeit, die freilich in der Geschichte 
keine sonderliche Rolle gespielt hat, aber auf die die serbischen 
Sänger als auf ihren Nationalhelden alles, was ihnen groß und rüh¬ 
menswert erschien, gehäuft haben. So trägt diese Gestalt zwar 
durchaus noch die Züge eines Märchenhelden; doch diese Züge 
sind menschlicher geworden : das Mythologische hat der Helden¬ 
sage Platz gemacht. Die reinen Wundergeschichten haben sich in 
die Wundertaten eines unbesiegbaren Streiters umgewandelt. So 
kann man hier deutlich verfolgen, wie die Durchdringung der alten 
mythischen Stoffe mit der Erinnerung an geschichtliche Erlebnisse 
allmählich die Zauberwirkungen in Heldentaten umwandelt und 
den Inhalt mehr und mehr dem heroischen Epos nahebringt In 
einzelnen Zauberwirkungen freilich und in der dann und wann 
in die Handlung hereinreichenden Spukgestalt eines altheidnischen 
Berggeistes sind noch Reste einer vorangegangenen mytholo¬ 
gischen Stufe zu spüren. Wenn ferner der Held Marko die sonder¬ 
bare Gewohnheit angenommen hat, jedesmal, wenn er zornig wird, 
seinen Wolfspelz auszuziehen und verkehrt wieder anzuziehen, so darf 
man wohl vermuten, daß hier die Tierverwaodlung des alten Zauber-
        

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