Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/382/
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Die Phantasie in der Konst. 
lieh in sprudelnder Improvisation den geläufigen Sagenschatz behan¬ 
delnden Dichtung, sondern auch die Wirkungen der Kulturatmosphäre, 
die den Sänger umgibt, und in der er seine Lieder verträgt, lernen 
wir hier verstehen. • Denn diese Wirkungen treten gerade unter 
primitiven Verhältnissen, wo sie ebenfalls erst im Werden begriffen 
sind, deutlicher hervor. Das Publikum des kirgisischen Sängers steht 
überall wesentlich noch auf dem gleichen Niveau der Kultur, und 
der Sänger, der die alten bekannten Erzählungen vorträgt, ist daher 
willkommen überall. Aber Standesunterschiede fehlen schon hier 
nicht, und so schlägt jener einen wesentlich andern Ton an, wenn 
er vor seinesgleichen, oder wenn er vor einem angesehenen Häupt¬ 
ling seine Lieder vorträgt. Ist vollends noch ein russischer Beamter 
zur Stelle, so ermangelt er nicht, eine Schmeichelei auf den weißen 
Zaren, den großen Freund seines Volkes, einzuflechten. Hier er¬ 
öffnet sich uns bereits deutlich die Perspektive auf die berufsmäßigen 
Aöden der Griechen oder auf die Spielleute des Mittelalters, die 
an den Sitzen der Fürsten und Vornehmen ihre Lieder von den 
Taten der Vorfahren anstimmten. In dieser Anpassung an den 
Kreis von Hörern, dem es vorgetragen wurde, konnte das Epos 
allmählich zum wirklichen Heldenlied werden, was es zu Anfang 
wohl nur in einem beschränkten Sinne war. Es spiegelt auch jetzt, 
auf der Höhe seiner Entwicklung angelangt, die Kultur und den 
Geist seiner Zeit keineswegs in ihrer ganzen Weite und Tiefe, son¬ 
dern es ist ein Bild der Lebensanschauungen jener ritterlichen und 
höfischen Kreise, für die es gedichtet ist, und in die sich der Sän¬ 
ger mit seinem eigenen Denken und Fühlen einlebt, auch wenn er 
selbst ihnen nicht angehört. Von dieser Stufe ist freilich das Lied 
der Kirgisen so weit wie möglich entfernt. Wie die Gusla, die 
landesübliche Gitarre, von jedem aus dem Volke gespielt und, so¬ 
weit er kann, mit Gesang begleitet wird, so sind die Stoffe dieser 
Lieder die alten Märchenstoffe, die auch bei den andern Kirgisen- 
und Turkstämmen umlaufen, nur daß sie bei diesen des poetischen 
Schwunges und der rhythmischen Form entbehren, die sie bei 
jenem sangesfreudigen Steppenvolk angenommen haben. 
Nach allem dem eröffnen uns diese Lieder, namentlich wenn 
wir noch die weiteren Stufen etwa der großrussischen und der süd¬ 
slawischen Volkspoesie mit ihren schon einer höheren Kultur an-
        

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