Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/375/
Erzählende Dichtung. 
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deren Ursprung für uns in Dunkel gehüllt ist, könnten zu keiner 
Zeit anders entstanden sein, als wie dichterische Werke noch jetzt 
entstehen, nämlich als Schöpfungen einzelner Dichter, gleichgültig 
• • 
ob der Name eines solchen, wie der des Homer, in der Über¬ 
lieferung erhalten blieb, oder ob er, wie bei dem Nibelungen¬ 
lied, verschollen ist. Wie ein Epos, das die heutige Literatur 
der Kulturvölker hervorbringt, nur ein Kunstepos sein kann, so 
betrachtete man also auch das ursprüngliche Epos unter diesem 
Gesichtspunkt, wenn auch selbstverständlich zu jeder Zeit aner¬ 
kannt wurde, daß ein Werk aus längst vergangener Zeit mög¬ 
licherweise verstümmelt oder in teilweise verderbten Texten über¬ 
liefert sein könne. Seit Friedrich August Wolf hat nun die 
philologische Kritik dieser unitarischen Auffassung vor allem bei 
jenen Hauptwerken, um die sich die epische Frage bewegte, wach¬ 
sende Schwierigkeiten bereitet Ließ sich die Meinung, daß Werke 
wie Ilias und Odyssee in allen ihren Teilen von einem einzigen 
Dichter herrührten, nicht mehr aufrechterhalten, so standen nun 
aber zwei Wege offen, um über die inneren und äußeren Unter¬ 
schiede und Widersprüche ihrer Komposition Rechenschaft zu geben: 
entweder konnte eine Anzahl ursprünglich unabhängig entstandener 
Teile nachträglich zusammengefîigt sein, — das war die »Lieder¬ 
theorie« Karl Lachmanns; oder es war ursprünglich schon ein ein¬ 
heitliches Gedicht vorhanden gewesen, das dann allmählich durch 
Einschaltungen und Zugaben späterer Dichter vervollständigt wurde, 
— das war die zuerst von Gottfried Hermann aufgestellte »Erweite¬ 
rungstheorie« , die von A. Kirchhoff eingehender begründet wurde 
und in U. von Wilamowitz einen beredten Verteidiger gefunden 
hat1). 
Indem man sich bemühte, diese beiden Theorien durchzuführen 
und sie zugleich mit dem einheitlichen Charakter des Epos verein¬ 
bar zu machen, stellten sie sich nun aber schließlich im Grunde 
doch als Modifikationen der unitarischen Hypothese dar, bei denen 
man nur die ursprüngliche Einheit der Dichtung jedesmal an Punkte 
verlegte, die entgegengesetzten Enden der Entwicklung angehörten. 
x) A. Kirchhoff, Die Homerische Odyssee3, 1879. U. von Wilamowitz-MöUen- 
dorf, Homerische Untersuchungen, 1884. Die Komposition der Odyssee.
        

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