Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/371/
Erzählende Dichtung. 
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sicherlich vielfach der Fall war, erst später der moralisierenden Ten¬ 
denz dienstbar gemacht wurde. Anderseits ist es aber doch wahrschein¬ 
lich, daß, nachdem einmal die satirische und moralische Kraft der 
Tierfabel entdeckt war, nun spätere Erfindungen den überlieferten 
Stoff von vornherein in moralisierender Absicht ergänzten und ver¬ 
mehrten. Daß in solchen Erfindungen die Griechen besonders 
fruchtbar gewesen sind, das zeigt die Vorliebe, mit der Dichter, 
Rhetoren und Philosophen ihre Aussprüche an überlieferten oder frei 
erfundenen Fabeln und Parabeln veranschaulichten. In Indien haben 
in einer späteren Zeit in gleichem Sinne die buddhistischen Mönche 
die Fabel gepflegt, und mit dem Buddhismus sind dann viele 
der alten Fabelstoffe durch die ganze ostasiatische Kulturwelt ge¬ 
wandert1). 
Indem sich die Tierfabel zur scherzhaften und satirischen und von 
da aus zur moralischen Form entwickelte, hat sie nun aber, wie man 
vermuten darf, zugleich wieder Rückwirkungen auf die Märchen¬ 
dichtung ausgeübt. So mündet in gewissem Sinne diese Ent¬ 
wicklung in ihren Anfang zurück: von der Mischung beider Formen 
war das mythologische Fabelmärchen ausgegangen, — in der humo¬ 
ristisch-satirischen und der moralischen Märchendichtung hat zwar 
das Märchen seinen menschlichen Inhalt bewahrt, gleichwohl hat es 
die Tendenzen teilweise in sich aufgenommen, die zuerst in der 
Tierfabel scharf ausgeprägt zur Entwicklung gelangt waren. Denn 
dem Märchen an sich liegen solche Tendenzen fern. Es will zwar 
nicht bloß ergötzen und unterhalten, wie man gemeint hat, sondern 
es ist in seinen Anfängen das natürliche Erzeugnis einer noch 
selbst in der Kausalität des Zaubers befangenen Phantasie. Eben 
darum liegt aber dieser Zauberwelt des Märchens ursprünglich 
jede verstandesmäßige Absicht, es liegen ihr Spott und Satire so 
gut wie Belehrung fern, und eigentlich widerstreitet dem reinen 
Märchen fortan jede solche Tendenz, daher sich denn auch viele 
alten Märchenstoffe dauernd davon frei gehalten haben. Um so 
wahrscheinlicher ist es, daß hier die in früher Zeit schon der 
dichterischen Einzelerfindung unterworfene Tierfabel einen solchen 
*) Man vergleiche hierzu die Stücke aus der Anthologie der asiatischen Volks¬ 
literatur von A. Seidel, 1898.
        

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