Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/365/
Erzählende Dichtung. 
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lachte, daß seitdem seine Zähne sichtbar geblieben sind«*). Diese 
melanesische Erzählung ist, wie man sieht, schon eine verwickeltere, 
vielleicht aus mehreren ursprünglich gesonderten Fabeln zusammen¬ 
geflossene Komposition, die neben der Schuppenbildung der Haut 
die Lebensweise der beiden miteinanander wettenden Fische und 
schließlich auch noch die sichtbaren Zähne des »tertius gaudens« 
erklärt. In diesem letzteren Zug ist übrigens schon eine leise 
Wendung zur Scherzfabel erkennbar. Reich an solchen biologischen 
Fabeln sind endlich die afrikanischen Stämme. So gehört hierher 
die hottentottische Fabel von der Sonne und dem Schakal: »Die 
Sonne befand sich einst auf der Erde und saß hilflos am Wege, 
die Menschen beachteten sie nicht. Da ging der Schakal vorbei 
und nahm sie auf den Rücken, um sie weiter zu tragen. Die Sonne 
aber verbrannte ihm das Fell. Seitdem hat der Schakal einen 
schwarzen Rücken«* 3). Auch Rudimente ursprünglich mythologischer 
Fabeln, auf die schon die Rolle der Sonne in der letzten Erzählung 
hinweist, kommen hier vor. So in der folgenden hottentottischen 
Variante eines in Südafrika weitverbreiteten Fabelmotivs: »Der 
Mond sprach zum Hasen: gehe zu den Menschen und sage ihnen, 
wie ich sterbe und wieder lebendig werde, so sollt auch ihr sterben 
und wieder lebendig werden. Der Hase richtete aber die Botschaft 
verkehrt aus, indem er sagte: wie ich sterbe und nicht wieder 
lebendig werde, so soll es auch euch ergehen. Als der Mond das 
erfuhr, schlug er den Hasen auf den Mund, und seitdem hat der 
Hase einen gespaltenen Mund.« Da dieselbe Fabel in noch andern 
Variationen vorkommt, in denen der letztere Zug fehlt, so haben 
wir es hier offenbar mit einer Kombination des biologischen Motivs 
der Hasenscharte mit einem wahrscheinlich älteren mythologischen 
Motiv zu tun, das ausschließlich den Ursprung des Todes zum 
Gegenstände hat3). 
Den Übergang von dieser Form der Fabel zum biologischen 
Märchen bilden gewisse, bei den farbigen Menschenrassen nicht 
x) Codrington, The Melanesians, p. 360. 
3) W. J. H. Bleek, Reineke Fachs in Afrika, 1870, S. 52. Ferner gehören ver¬ 
schiedene Bantu- und Haaßafabeln dieser Sammlung hierher, z. B. S. 80, 83. 
3) Bleek, a. a. O. S. 54 ff. Weitere Varianten der gleichen Fabel lind von 
B. J. Haarhoff gesammelt, Die Bantustimme Südafrikas, 1890, S. 44 ff. 
Waadt, Völkerpsychologie II, 1. 2%
        

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