Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/350/
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Die Phantasie in der Kunst. 
Es ist klar, daß die Sonne, die in beiden Märchen die Hauptrolle 
spielt, das gemeinsame Assoziationsglied ist, das diese wider- 
streitenden Stoffe verband. Als eine Hilfsassoziation ist dabei wahr¬ 
scheinlich außerdem die leicht entzündliche Natur des Baumharzes, 
die bei der dem Wilden geläufigen Entzündung des Feuers durch 
Reibung des Holzes eine Rolle spielt, wirksam gewesen. So wird 
der Sohn des Baumharzes nach einem noch in andere solche 
primitive Märchen hineinspielenden Motiv gewissermaßen als ein 
umgekehrter Prometheus gedacht, der das Feuer von der Erde zum 
Himmel bringt Von diesen beiden hier in ein Ganzes zusammen¬ 
geschweißten Märchenstoffen ist namentlich der erste, die Erzählung 
von einem Menschen, der auf einer Pfeilleiter oder an einem Strick 
zum Himmel gestiegen und dort meist nach mancherlei Schicksalen 
zur Sonne geworden sei, außerordentlich verbreitet. Die einzelnen 
Varianten dieser Erzählung weichen zum Teil weit genug vonein¬ 
ander ab, daß sie möglicherweise unabhängig aus der gleichen 
mythologischen Naturanschauung entstanden sein können. Manche 
dieser Motive, wie z. B. das der Pfeilleiter und viele weitere noch 
speziellere Züge in andern Märchen, sind aber von so singulärer Art, 
daß eine Wanderung wahrscheinlich ist, wobei diese freilich durch 
die ohnehin schon bestehende Übereinstimmung der Vorstellungen 
über den Lauf der Naturerscheinungen begünstigt worden sein 
mag1). 
Unzweifelhaft hat nun diese Assoziation verschiedener Märchen¬ 
stoffe vielfach eine Veränderung und namentlich da, wo natur¬ 
mythologische Elemente in die Märchendichtung eingehen, eine 
Verdunkelung der letzteren mit sich geführt, während sich außer¬ 
dem gewöhnliche Zaubermotive, wie sie allerorten in das Märchen 
eingehen, und Züge, die einzelnen eindrucksvollen Erlebnissen ent¬ 
nommen sind, damit vermengt haben. Durch diese beinahe un¬ 
absehbare Vermischung bald heterogener, bald aber auch identi- 
scher und nur in verschiedener Form ausgeprägter Motive wird 
die primitive Märchendichtung vielfach zu einem wirren Gemenge 
x) Eine Übersicht über die hierher gehörigen sogenannten Sonnenmythen, be¬ 
sonders über das außer im Nordwesten Amerikas noch in Australien, Ozeanien und 
spurweise selbst auf afrikanischem Gebiet vorkommende Bild von der Pfeilleiter gibt 
L. Frobenius, Die Weltanschauung der Naturvölker, 1898, S. 169 ff.
        

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