Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/330/
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Die Phantasie in der Knnst. 
Priester der Espe des Ostens, sende all dein Volk, zu wirken für uns, 
Priester der Zeder des Zenits, sende all dein Volk, zu wirken für uns, 
Priester der Eiche des Nadirs, sende all dein Volk, zu wirken für uns! 
3* 
Schlangengesellschaft des Nordens, Schlangengesellschaft des Westens, 
Schlangengesellschaft des Südens, Schlangengesellschaft des Ostens, 
Schlangengesellschaft des Zenits, Schlangengesellschaft des Nadirs, 
kommt her und wirket für uns!*) 
So poesielos uns in ihrer ermüdenden Einförmigkeit diese Gebete 
erscheinen mögen, so bieten sie doch gerade darum die obener¬ 
wähnten Eigenschaften des Kultliedes besonders ausgeprägt dar, 
Eigenschaften, die auch noch in poetisch veredelter Form in den 
Hymnen des Rig-Veda, in den Psalmen und schließlich in der 
religiösen Dichtung aller Zeiten wiederkehren; und je dringender 
in diesen Fällen der Wunsch nach Erhörung wird, um so mehr 
pflegt das Lied auch im Ausdruck an jene primitiven Formen der 
Beschwörung zu erinnern. 
Indem sich nun aber auf der andern Seite hier, wie überall, die 
Gefühlsäußerungen durch die Wiederholung abschwächen, kann 
gerade bei dem Kultlied leicht ein Wandel der Motive eintreten. 
Durch einen solchen entstehen, wie man vermuten darf, viele jener 
mannigfaltigen Liedformen, die wir unter dem Gesamtnamen der 
Tanzlieder zusammenfassen können. Da der Kriegstanz, der 
Jagdtanz und andere Festtänze, wie wir unten sehen werden, über¬ 
all wahrscheinlich auf den Zaubertanz zurückgehen, so ist in der 
Tat wohl anzunehmen, daß auch für die diese Tänze begleitenden 
Gesänge das gleiche zutrifft. Gleichwohl macht sich gerade bei 
dem Tanzlied der allmählich eintretende Motivwandel mit beson¬ 
derer Stärke geltend. Indem der Tanz als solcher Gefühle der 
Freude, der leidenschaftlichen Erregung, der Kriegs- oder Jagdlust 
erweckt, können sich mit ihm auch neue Liedweisen verbinden, che 
selbst keineswegs aus den alten Zauberformeln entstanden zu sein 
brauchen. So ist hier in vielen Fällen das einzelne Lied selbst ohne 
Zweifel eine direkt aus dem neuen Motiv entsprungene Neubildung, 
und nur das ganze aus Gesang, Tanz und lärmender musikalischer 
x) M. C. Stevenson, The Sia, Ethnol. Report XI, 1894, P* 123. Andere Gebete 
und Zauberformeln von den Sioux vgl. bei J. 0. Dorsey, ebenda p. 374 ff.
        

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