Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/295/
Allgemeine Psychologie der bildenden Kunst. 
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5. Allgemeine Psychologie der bildenden Kunst 
ju Psychologische Analyse der Ornamentik. 
Wie die Phantasie überhaupt kein besonderes Geistesvermögen 
ist, das außerhalb des Zusammenhangs der überall wiederkehrenden 
elementaren psychischen Vorgänge steht, sondern aus einer Ver¬ 
bindung dieser Vorgänge entspringt, in deren Produkten die bereits 
bei den Sinneswahrnehmungen und Erinnerungsvorgängen wirksamen 
assimilativen und apperzeptiven Prozesse mit den an sie gebundenen 
Gefiihlserregungen wiederkehren, so ist auch die künstlerische Phan¬ 
tasie wiederum nichts, was von der gewöhnlichen, in flüchtigen 
Bildern eines eingebildeten Geschehens bestehenden Phantasietätig¬ 
keit grundsätzlich verschieden wäre. Vielmehr handelt es sich hier 
abermals nur um eine in der Regel gesteigerte Phantasietätigkeit, 
vor allem aber um eine solche, die durch das nach außen gerichtete 
Streben, das Phantasiegebilde zu verwirklichen und es selbst in ein 
Objekt der Wahrnehmung zu verwandeln, also mit einem Worte 
durch die hinzukommenden Willensantriebe eine weiter entwickelte, 
höher differenzierte Form darstellt. Dabei bietet aber diese Form 
für die psychologische Betrachtung den eminenten Vorzug, daß sie 
eben durch diesen Übergang der ästhetischen Apperzeption in die 
aktive Form des künstlerischen Wollens die Produkte der Phan¬ 
tasie objektiviert, so daß hier die zerflattemden, losen Gebilde des 
subjektiven Phantasierens in eine gesetzmäßig geregelte Ordnung 
treten und in ihrer Aufeinanderfolge eine Entwicklungsreihe bilden, 
in der jene unberechenbaren Zufälligkeiten, denen die subjektiven 
Bewußtseinsvorgange unterworfen sind, zurücktreten, um den allge¬ 
meingültigen Zusammenhängen das Feld zu räumen. 
Für die Erkenntnis dieser Zusammenhänge bieten nun die Ob¬ 
jekte der Zierkunst ein besonders günstiges Feld der Beobachtung, 
teils weil uns die verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung verhält¬ 
nismäßig am vollständigsten erhalten sind, teils weil diese Entwick¬ 
lung selbst noch in höherem Grade als bei den Werken der Ideal¬ 
kunst einen gesetzmäßigen, trotz mancher Variationen allgemein¬ 
gültigen Charakter besitzt. Bei allen diesen Objekten bildet ein 
äußerer Eindruck den Ausgangspunkt für die Handlungen der
        

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