Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/290/
Die Phantasie in der Konst. 
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darstellte, und die sich, dem Evangelium oder der Heiligenlegende 
entnommen, in der Regel um eine einzige Hauptperson konzen¬ 
trierten. Daher denn auch jene Bilder der Frührenaissance, die diesem 
Prinzip der Mitte widersprechen, häufig in mehrere Bilder zerfallen, die 
aufeinander folgende, zeitlich getrennte Szenen darstellen und schon 
deshalb unabhängige Aufmerksamkeitsakte verlangen. 
So entstand allem Anscheine nach dieses letzte, wichtigste Ele¬ 
ment der Linearperspektive, der feste Augenpunkt, als die subjek¬ 
tive Ergänzung zu dem objektiv gegebenen Hauptpunkt des Bildes, 
der seinerseits wieder aus dem Streben nach einheitlichem Ausdruck 
einer Idee hervorgegangen war. Denn daß für die Auffassung 
der dominierenden Gruppe eine bestimmte Augenstellung die gün¬ 
stigste sei, mußte sehr bald die einfachste Beobachtung ergeben. 
Von da aus lag dann aber auch die Erkenntnis nicht mehr fern, 
daß diese Stellung bei allen andern Teilen des Bildes vom Maler wie 
vom Beschauer festgehalten werden müsse, wenn diese Teile zu jener 
Bildmitte in einem der Wirklichkeit entsprechenden räumlichen Ver¬ 
hältnis erscheinen sollten. 
m. Wandel der Motive in der Malerei. 
Für die Entwicklungsgeschichte der künstlerischen Phantasie ist 
dieser Kampf um die Gewinnung der Perspektive nicht sowohl an 
sich von Bedeutung, als weil sich in ihm wiederum ein allmählicher 
Wandel der seelischen Stimmungen spiegelt. Hier kann nur auf die 
Hauptmomente dieser Entwicklung hingewiesen werden. In der 
Malerei der Renaissance ist der gleiche religiöse Vorstellungskreis 
wie in der vorangegangenen christlichen Kunst der vorherrschende. 
Aber sie entnimmt die Vorbilder dieser Stoffe dem wirklichen Leben. 
Sie gestaltet die Ideale der Frömmigkeit, da* Demut, der religiösen 
Erhebung, der Mutterliebe und der Kindesunschuld in allen Formen 
und Färbungen, zugleich, wo sich die Gelegenheit bietet, durch ihre 
Kontraste gehoben. Aber die Personen und Begebenheiten dieser 
idealen Wunderwelt gestaltet sie durchaus nach den Vorbildern der 
Wirklichkeit. Damit wird das Streben, diese Phantasiewelt auch in 
der sinnlichen Lebendigkeit ihrer räumlichen Ausdehnung, ihres 
Lichts und ihrer Farbe nachzubilden, immer mächtiger. Um dem 
Bilde die räumliche Tiefe zu geben, fugt da* Maler zu der Gestalt
        

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