Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/287/
Die Entwicklung der Idealknnst 
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sara zu ihrem Höhepunkt ansteigt, um in diesem alle vorangegan¬ 
genen Momente zu einem großen Gesamteindruck zu verbinden. 
Darum können wir bekanntlich ein gemaltes Porträt momentan als 
ein wohlgetroffenes erkennen, während wir stets einer gewissen 
Zeit bedürfen, um uns der Lebenswahrheit auch der besten Por¬ 
trätbüste zu versichern. Diese in dem psychologischen Wesen 
beider Künste begründeten Unterschiede steigern sich aber in dem 
Maße, als die Gegenstände der Darstellung verwickelter werden, 
und sie sind es daher zugleich, die hier der plastischen Kunst 
gegenüber der den Raum in weiter Ausdehnung erschließenden 
Malerd engere Schranken ziehen. 
L Entwicklung der malerischen Perspektive. 
Alle diese Eigenschaften des Gemäldes, die in den Gesetzen der 
malerischen Perspektive ihren Ausdruck finden, sind nun ursprüng¬ 
lich von dem Künstler in der unmittelbaren Nachbildung seiner Ge¬ 
sichtsvorstellungen entdeckt worden. Keinerlei äußere Normen haben 
ihn zunächst dabei geleitet. Zwar waren die Regeln der Linear¬ 
perspektive bereits den Geometern der alexandrinischen Zeit wohl- 
bekannt, und ihre Befolgung war, wie uns die pompejanischen Wand¬ 
bilder lehren, der ausübenden Kunst und selbst dem Kunsthandwerk 
geläufig. Auch hatten sich schon in früher Zeit die Griechen an den 
Fembildem da8 Architektur ein feines Gefühl for Linear- und Luft¬ 
perspektive angeeignet; das bekundet deutlich die bewunderns¬ 
werte Anpassung der Ecksäulen und der horizontalen Linienführung 
des Gebälks ihrer Tempel an den optischen Eindruck1). Aber dieses 
Gefühl war dem Mittelalter wieder verloren gegangen. Seine Malerei, 
den Formen der Plastik nachgebildet, suchte durch den Glanz der 
Farben zu wirken. Die Landschaft ließ sie unbeachtet, und das 
Streben nach Naturwahrheit der Körperformen kg ihr fern. So 
legte sie ihre Ideen ausschließlich in jenem etwas stereotypen, aber 
tief empfundenen Ausdruck religiöser Hingebung im Angesicht nieder. 
In allem andern blieb die Malerei dekorative Gehilfin der führenden 
f) VgL Guido Hauck, Die subjektive Perspektive und die horizontalen Kurva¬ 
turen des dorischen Stils, 1879. Ober die pompejanische Wandmalerei vgl. ebenda 
S. 54 £ Dazu A. Mau, Geschichte der dekorativen Wandmalerei in Pompeji, 1888, 
Atlas, Taf. XD, XIII. 
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