Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/276/
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Die Phantasie in der Kunst. 
Diese Bedingungen für die Ausführung einer einzelnen Gestalt, 
die mit einem Werke der Architektur in organischem Zusammenhang 
plastischen Gruppen im 
steht, bleiben 
wesentlichen die nämlichen. Nur wird hier die Forderung dringen¬ 
der, die vordere Hauptebene der Gruppe für die Apperzeption des 
Gesamteindrucks so zu gestalten, daß sie die primären Fixations¬ 
punkte enthält, weil mit der Zahl möglicher Fixierpunkte, die die 
Aufmerksamkeit auf sich ziehen, die Gefahr falscher Tiefeneffekte 
oder, wenn diese durch sonstige Assoziationsbedingungen femgehalten 
Arbeit auf die unmittelbarste Nähe am Gegenstand angewiesen ist, hat aus eigener 
Känstlererfahrung heraus Ad. Hildebrand treffend hervorgehoben (Das Problem der 
Form in der bildenden Kunst, 4. AufL 1903). Hildebrand hat dabei schon klar die 
aus dem Prinzip der Bestimmung der Tiefenvorstellung durch die primäre Fixation 
hervorgehenden Bedingungen für die plastische Perspektive erkannt, ohne natürlich 
dieses psychophysische Prinzip selbst zu kennen. (Siehe oben S. 26 ff.) In Ermangelung 
dessen und wohl auch unter dem Einfluß einseitiger psychologischer Theorien und 
Begriffsunterscheidungen ist dann aber dieser ausgezeichnete Künstler dazu verführt 
worden, das Wesen der Nahearbeit des Bildhauers ausschließlich in die Bewegungs¬ 
empfindungen zu verlegen und hierin zugleich den charakteristischen Unterschied von 
der Malerei zu sehen, bei der das im Fernblick gewonnene Gesichtsbild auch die 
Nahearbeit bestimme, so daß also in diesem Sinne die Malerei eine reine Kunst des 
Gesichtssinns sei. In dem stereoskopischen Sehen dagegen sieht H. geradezu eine Art 
>unreiner Mischform« (S. 20). Ich kann natürlich.nicht aus eigener Erfahrung über die 
Arbeit des Bildhauers urteilen. Aber nach Erfahrungen, die ich nach Erblindung eines 
Auges bei andern Arten technischer Nahearbeit gemacht habe, möchte ich glauben, 
daß ein Bildhauer, der plötzlich sein stereoskopisches Sehen einbüßt, zunächst 
den Meißel in unzähligen Fällen falsch ansetzen, und daß es ihn große Mühe kosten 
wird, sich allmählich neu zu orientieren. Wie für das Sehen in der Nähe, so ist 
auch für alles Arbeiten mit Nahebildera das binokulare stereoskopische Sehen 
gerade so erforderlich wie fUr das normale Gehen die gesnnde Beschaffenheit beider 
Beine, und ich kann mir nicht denken, daß sich darin das Arbeiten des Bildhauers 
anders verhalten sollte. Die »Bewegungsempfindungen« aber sind nicht bloß, wie 
auch Hildebrand anerkannt hat, bei der Durchmessung der Distanzen mit dem Auge, 
sondern sie sind in latenterer Weise selbst beim ruhenden Blick in der Form von 
Bewegungstendenzen und reproduktiven Empfindungen wirksam. Den Ausdruck, daß 
das Fembild ein »reiner Gesichtsemdruek« sei, hat daher mit Recht auch schon 
A. Schmarsow beanstandet. (A. Schmarsow, Plastik, Malerei und Reliefkunst, 1899, 
S. 38.) Gerade das Prinzip der perspektivischen Wirkung der primären Fixation 
und der Richtung der Fixierlinien weist ja übrigens, da es, wie die pseudoskopi- 
schen Erscheinungen zeigen, für das ruhende wie für das bewegte Ange gilt, deut¬ 
lich darauf hin, daß die Funktion der Bewegung von den Leistungen des Gesichts¬ 
sinns ebensowenig wie von denen des Tastsinns zu trennen ist. (Vgl. hierzu meine 
Grandzüge der physiol. Psychologie,5 H, S. 587, 653 ff.)
        

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