Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/263/
Die Entwicklung der Idealknnst. 
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Säulenhalle umzieht den Bau, so daß das Dach nicht, wie bei 
dem einfachen Wohnbau, schwer auf den Grundmauern des Hauses 
ruht, sondern von den durch ihre Zahl wie Gestalt die Vorstellung 
der emporstrebenden Kraft energisch anregenden Säulen schwebend 
getragen wird. Das zweite Motiv besteht in dem freien Einblick 
in das Innere des Tempels, in das durch die unter der Giebelfront 
liegende Tempelpforte das Licht auf das im Hintergrund stehende 
Götterbild fallt, während das von Säulen getragene Giebelfeld zu¬ 
gleich einen Raum bietet, der zur Ausschmückung mit plastischem 
Relief herausfordert. So repräsentiert der griechische Tempel in 
dieser folgerichtigen Erweiterung des Giebelbaues der menschlichen 
Wohnung zum Gotteshaus in ästhetisch wirksamster Weise die Idee, 
daß das Haus Gottes ein Ebenbild des Weltbaues, und die andere, 
daß es eine Schutzstätte sei, an der der Verfolgte und selbst der 
Schuldige Rettung findet. Denn den Schutzbedürftigen ruft hier 
der sichtbare Gott selbst an die Stufen seines Altars. 
In der römischen Kultur der Kaiserzeit, in der Götter aller Na¬ 
tionen in den Zentren des Weltreichs zusammentrafen, in der in 
dem berühmten Pantheon Agrippas und Hadrians ein allen diesen 
Göttern geweihter Tempel erstand, da mußten auch die Stilformen 
Zusammenstößen, in denen sich die Ideen, die dieses Völkergewühl 
bewegten, verkörpert hatten. Wenn sich nun in der Mischung 
griechischer, orientalischer und alter Reste italischer Stile als eine 
in der römischen Welt mehr und mehr zur Herrschaft gelangende 
Architekturform der Rundbogen und seine räumliche Fortbildung, 
das Kuppelgewölbe, durchgesetzt hat, so darf man dies zwar nicht 
als ein originales Erzeugnis römischer Kunst, wohl aber als diejenige 
Form ansehen, die dem römischen Geiste vor andern adäquat war. 
Doch allem Anscheine nach sind es auch hier zunächst praktische 
Motive gewesen, die dem Rundbogen und Bogengewölbe diesen 
Vorzug verschafften. Für die gewaltigen Brückenbauten, Viadukte 
und Wasserleitungen boten sich aus statischen Gründen unter allen 
zur Verfügung stehenden Formen die Steinpfeiler und steinernen 
Bogen als die sichersten und dauerndsten. Das Motiv, an diesen 
Nutzbauten erprobt, wurde nun, unter Anlehnung an die aus alter 
Zeit überlieferte Rundform des Tores, auf den Triumphbogen und 
die Ehrenpforte übertragen, um endlich in der Form von Kuppeln,
        

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