Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/254/
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Die Phantasie in der Konst 
Säule an verschiedenen Stellen der Erde unabhängig getan worden. 
So begegnen uns in den buddhistischen Felsentempeln Indiens 
Säulenreihen mit einem anscheinend die Form einer Frucht oder 
einer schwellenden Blütenknospe nachahmenden Kapitell; und in¬ 
dische Siegessäulen verbinden, ähnlich den Prunksäulen persischer 
Paläste, das Pflanzen- mit dem Tiermotiv. Doch bei der Leichtig¬ 
keit, mit der ornamentale Formen, so gut wie Märchen- und Fabel¬ 
stoffe, wandern können, läßt sich kaum entscheiden, inwieweit diese 
indischen Schmuckformen, so sehr sie der Eigenart des indischen 
Geistes und seiner Architektur harmonisch sich einfügen, wirklich 
autochthonen Ursprungs sind. Nur in Ägypten liegt diese Ent¬ 
wicklung der die Höfe und Säle der Tempel und Paläste schmücken¬ 
den Säule zur Pflanzenform klar vor Augen, und sie verrät sich 
auch darin als eine ursprüngliche, daß die ägyptische Pflanzensäule 
bald in ihrem ganzen Aufbau, bald wenigstens in ihrem oberen Teil 
eine deutliche Nachahmung bestimmter Pflanzenformen der ägypti¬ 
schen Landschaft darstellt. Namentlich Papyrus, Lotos und Palme 
sind ihre Vorbilder. Die Papyrus- und Lotossäule erscheinen als 
Nachbildungen eines durch horizontale Bandstreifen zusammen¬ 
geschnürten Bündels dieser Pflanzen, die Palme als Baum, der sich 
an seinem oberen Ende in Blattstreifen sondert. Ob jene Bündel¬ 
säule zunächst aus der Sitte entstanden ist, in dem baumarmen 
Lande zusammengebundene Papyrusstäbe an Stelle der Holzbalken 
als Pfosten beim ursprünglichen Holzbau zu verwenden, mag hier 
dahingestellt bleiben. Schon der Umstand, daß erst der Übergang 
zum Steinbau die Form erzeugt hat, spricht aber dafür, daß dies 
immerhin nur ein begleitendes Motiv für die besondere Gestaltung 
der Säulenform gewesen ist, die ja auch unmittelbar durch das 
nachgebildete Objekt nahegelegt werden mochte. Papyrus- und 
Lotosstengel ließen sich eben nur zu Bündeln vereinigt als Säulen 
denken. Doch daß man überhaupt der Pflanze vor dem die Vor¬ 
stellungen einer früheren Stufe beherrschenden Tier den Vorzug gab, 
dazu mußten noch andere äußere und innere Motive Zusammen¬ 
wirken, die sich hier, wie so oft, begegneten. Das innere Motiv 
lag darin, daß die Pflanzenwelt überhaupt mehr als früher das In¬ 
teresse fesselte, wie die gleichzeitigen Erzeugnisse der Zierkunst 
verraten. Als ein äußerer Reiz, der dieses mächtiger gewordene
        

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