Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/247/
Die Entwicklnng der Idealknnst. 
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bald als aufgeschichteter Stein- oder Sandhaufen vorkommt, oder 
zuweilen auch durch einen hochaufgerichteten Pfahl ersetzt wird. 
Ursprünglich erfüllt er wohl nur den praktischen Zweck, als weit¬ 
hin sichtbares Merkzeichen zu dienen, damit sich die zu irgend¬ 
einer Kultgemeinschaft Verbundenen hier versammeln, um den 
Göttern ihre Opfer darzubringen. Früh ist es dann im Zusammen¬ 
hänge damit bei Semiten wie Indogermanen zum feststehenden Kult¬ 
gebrauch geworden, mit dem Blute der geopferten Tiere den Opfer¬ 
stein zu bespritzen. Wo das ursprüngliche Blutopfer ganz oder 
teilweise durch das Brandopfer abgelöst wurde, da trat jetzt an die 
Stelle des Opfersteins der Opfer altar. Vielfach hat aber doch 
auch neben diesem der alte Opferstein sich erhalten. Als die Stätte, 
wo die Gottheit das Blut des Opfers entgegennahm, gewann er nun 
selbst den Charakter einer besonderen, die der Tempel oder son¬ 
stigen heiligen Stätten noch übertreffenden Heiligkeit; daher man 
denn auch solche Opfersteine und Opferpfahle für rohe Götzen¬ 
bilder oder sogenannte »Fetische« gehalten hat1). Daß sie dies 
nicht sind, lehrt, abgesehen davon, daß selbst die primitivste pla¬ 
stische Kunst einen Steinklotz oder Holzklotz keineswegs für ein 
menschliches oder tierisches Bild gelten läßt, die weitere Entwick¬ 
lung dieser frühen Wahrzeichen. Die Produkte dieser Entwicklung 
sind eben einerseits der Altar, anderseits unter besonderen Bedin¬ 
gungen, wie sie im Niltal der Eindruck der Natur und der Einfluß 
der andern Architekturformen bieten mochten, der Obelisk. Indem 
dieser in seiner ursprünglichen Verwendung die Stelle des Tempel¬ 
bezirks bezeichnete, an der die Gottheit gegenwärtig gedacht, und 
vor der ihr an einem nun davon getrennten besonderen Altar Opfer 
dargebracht wurden, erfüllte er in erhöhtem Maße seine alte Be¬ 
stimmung, als weithin sichtbares Zeichen des heiligen Ortes zu 
dienen, indes er zugleich durch seine überragende Größe das Ge¬ 
fühl der religiösen Erhebung erweckte, das die Idee der göttlichen 
Gegenwart mit sich führte. So hat sich auch hier der anfäng¬ 
lich rein äußere Zweck in eine ihn zuerst begleitende und dann 
ihn allmählich ganz zurückdrängende Idee umgewandelt Dieser 
*) Über diese und einige andere Hypothesen über die ursprüngliche Bedeutung 
der Opfersteine vgl. R. Smith, Die Religion der Semiten, deutsch von R. Stübe. 
1899, S. 160 f.
        

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