Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/245/
Die Entwicklung der Ide&lkonst 
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nis der Verstorbenen gebundenen und durch den Seelenkult zu 
religiöser Innigkeit gesteigerten Pietätsgefühle schon dem schmuck¬ 
losen Grabhügel einen erhöhten Gefühlswert; und dieser ist es nun 
zugleich, der sichtlich zu jenen Umgestaltungen gedrängt hat. Ge¬ 
nügt für den niedriger Stehenden der aufgeschüttete Erd- oder 
Steinhügel, um als Erinnerungsmal für die Seinen zu dienen, so will 
der Herrscher seine Macht über die Gemüter in die unbegrenzte 
Feme der Zeiten ausdehnen, indem er seine Grabstätte zu einem 
Monument gestaltet, an das ein dauernder Kultus sich anschließt. 
So ist hier die Entwicklung der monumentalen Formen ein un¬ 
mittelbarer Ausdruck der Steigerung der im Seelenkult wurzelnden 
religiösen Gefühle. Die äußere architektonische Form folgt dem 
inneren Vorgang in diesem einfachen Falle nahezu noch in propor¬ 
tionaler Progression. Der eindruckslose Grabhügel erhebt sich zu¬ 
nächst durch die Massenwirkung, die sich ihm in der Auftürmung 
zum Stufenbau beigesellt, zum Eindruck imponierender Größe. Die 
Umgestaltung zur Vollpyramide fügt dazu noch durch die nun sich 
eigebende geometrische Regelmäßigkeit der Gesamtform eine stark 
ausgeprägte qualitative Änderung, die den Eindruck zu dem des 
Erhabenen steigert, indem sie das ihn bis dahin noch hindernde 
Bild der Mannigfaltigkeit, das der Stufenbau bietet, mit einem Male 
beseitigt. Darum weist nun aber dieses in seiner Totalität selbst 
die Form eines einfachsten Ornamentes bietende Werk jeden weiteren 
ornamentalen Schmuck zurück. Die Attribute, die seine Wirkung 
steigern, verweist es in die Umgebung, wo sie als selbständige 
Schöpfungen besonders charakteristisch in den vorgelagerten Sphinx¬ 
gestalten hervortreten. Indem sich in diesen der tiefe Emst eines 
menschlichen Angesichts mit dem kraftvollen Löwenkörper ver¬ 
bindet, übertragen sie die über dem Bauwerk liegende einheitliche 
Stimmung getreu auf das Werk der Plastik, nur daß diese Stirn- 
mung zugleich, jener Doppelform entsprechend, in ihre Gefühls- 
komponenten zerlegt wird. Auch hier bleibt aber die mit der 
Erhabenheit der Wirkung, untrennbar verbundene Einfachheit da¬ 
durch gewahrt, daß sich beide Monumente, die Pyramide und ihr 
plastisches Attribut, in zureichendem Abstande voneinander be¬ 
finden, so daß jedes doch wieder isoliert auf den Beschauer wirkt, 
indes die unabsehbare Wüste, die sich hinter diesen gewaltigen
        

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