Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/243/
Die Entwicklung der Idealknnst. 
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der Erde hergestellte Raum für den Toten nach dem Vorbild der 
Wohnungen für die Lebenden gestaltet wird, und daß er es daher 
möglich macht, jenem die Gegenstände seines Gebrauchs, Lebens¬ 
mittel und in manchen Fällen geopferte Tiere und Sklaven, die zu 
seiner Bedienung bereit sind, in das Grab mitzugeben. Die erste 
dieser Sitten, die Abstufung der Totenwohnungen nach dem Range 
der Begrabenen, erstreckt steh von den hochaufgetürmten sogenann- 
ten »Hünengräbern« der nordischen Bronzekultur und von den gewal¬ 
tigen Pyramidenbauten der babylonischen und ägyptischen Könige 
an bis herab zu den Mausoleen der Fürsten und den prunkvollen 
Grabmonumenten der Reichen auf unseren heutigen Friedhöfen. Die 
zweite Sitte, der Ausbau der Grabhöhle zu einer Totenwohnung, ist 
mit dem Verblassen der ursprünglichen Seelenvorstellungen, an die 
sie gebunden war, allmählich zurückgetreten. Dennoch ist gerade 
sie es gewesen, die fur die Entwicklung einiger der bedeutsamsten 
Architekturformen bestimmend wurde. Wegen der relativen Einfach¬ 
heit ihrer Entstehungsbedingungen können aber diese zugleich als 
typische Beispiele für den Wandel der Motive gelten, der bei der 
Erhebung des einfachen, nur dem äußeren Bedürfnis dienenden 
Wohnbaues in die Sphäre der Idealkunst stattgefunden hat. Zeug¬ 
nisse dieser Entwicklung sind uns vor allem in den Grabstätten und 
Grabmonumenten Ägyptens erhalten geblieben. 
Von afrikanischen und westasiatischen Völkern umgeben, beiden 
in ihrem Ursprung verwandt, verbanden die Ägypter die geistige 
Regsamkeit der Semiten mit der durch Klima und Bodenbeschaffen¬ 
heit bestimmten Eigenart des afrikanischen Lebens. So war ihnen 
denn auch der Höhlenbau von frühe an nicht fremd, und bei der 
Rolle, die bei ihnen der Seelenkult und in diesem die Vorstellung 
von der dauernden Gebundenheit der Seele an den Leichnam spielte, 
lag es nahe genug, jenen Bau als Totenwohnung kunstmäßig weiter¬ 
zubilden. So ersetzte man schon in der Periode des alten Reichs bei 
den Gräbern der Vornehmen den aufgeschütteten Erdhügel durch 
einen aus gebrannten Ziegeln hergestellten Steinwall, durch den ein 
Gang zu der Mumie und zu den sie umgebenden Vorratskammern 
fur die Aufnahme der Vorräte, die dem Toten bei seiner Bestattung 
mitgegeben waren, führte. Dieses Mastaba genannte Steingrab 
konnte nun aber, je verbreiteter es war, um so weniger mehr als
        

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