Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/235/
Die Entwicklung der Idealkunst. 
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wicklungsreihen bietet uns überall schon die Zierkunst. Das ein¬ 
fache Herstellungsornament einer primitiven Töpferarbeit wird durch 
äußere Einwirkungen angeregt, welche die Formung des Tons be¬ 
gleiten. Die von selbst entstandenen Zeichnungen der Oberfläche 
wecken aber bis dahin latent gebliebene ästhetische und mytholo¬ 
gische Motive. Durch jene stattet der primitive Töpfer seine Gefäße 
mit regelmäßigen einfachen Ornamenten aus; diese lassen ihn in 
die unregelmäßigen Rinnen und Striche der Oberfläche die der um¬ 
gebenden Tierwelt entnommenen Gebilde seiner mythologischen 
Phantasie hineinsehen. Damit ist jene früher geschilderte Entwick¬ 
lung eingeleitet, in der nun nach dem nämlichen Schema Stei¬ 
gerungen der Motive oder neue, bisher latent gebliebene Motive 
geweckt werden, während zugleich die Wechselwirkungen, in die 
die einzelnen miteinander treten, die entstandenen Gebilde weiterhin 
umgestalten und dadurch einen ähnlichen Prozeß höherer Stufe 
einleiten können. 
Dürfen wir von vornherein erwarten, daß sich in dieser Beziehung 
die Idealkunst nicht anders verhält als die andern Formen der Kunst¬ 
übung, so ergibt sich aber daraus auch die weitere Folgerung, daß 
eine Grenze zwischen ihr und den vorangehenden Stufen überhaupt 
nicht auf Grund irgendwelcher äußerer Merkmale zu gewinnen ist, 
sondern daß sie allein aus deijenigen Eigenschaft sich ergeben kann, 
die das Wesen der Idealkunst ausmacht: aus dem Ideengehalt. 
Eine Vase kann sich zur Höhe der Idealkunst erheben, wenn der 
bildnerische Schmuck, den sie trägt, Ideen in ästhetisch ergreifender 
Form zum Ausdruck bringt. Der Umstand aber, ob die Vase zu¬ 
gleich zu irgendwelchen weiteren Zwecken dient, z. B. als Opfer¬ 
gerät oder auch nur zur Ausschmückung eines Wohnraums, hat mit 
dieser Frage an und für sich nichts zu tun. Wenige Lehren sind 
darum unhistorischer und unpsychologischer zugleich als Kants be¬ 
rühmte Unterscheidung der »reinen« und der bloß » anhängenden c 
Schönheit1). Nach ihr wird das ästhetische Objekt nicht nach 
dem, was es selbst ist, sondern nach seinem sonstigen Zweck oder 
vielmehr nach seiner Zwecklosigkeit gewürdigt. Die nach diesem 
*) Kant, Kritik der Urteilskraft, § 16. Werke, Ansg. yon Rosenkranz and Schubert, 
Bd. 4, S. 78 ff
        

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