Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/23/
Angebliche Merkmale der Phantasie. 
II 
nicht tue. Ist das erstere der Fall, wie man z. B. wohl bei der 
»Spontaneität des Verstandes« annimmt, so sind spontan und will¬ 
kürlich identisch. Trifft dagegen das letztere zu, wie unzweifelhaft 
bei der Phantasie, so werden nun umgekehrt spontan und unwill¬ 
kürlich gleichbedeutend, daher sich denn auch Wolff geradezu 
dieses letzteren Ausdrucks bedient und danach die Phantasie von 
tlem nach seiner Meinung willkürlich funktionierendem Gedächtnis 
unterschieden hat. Offenbar ist es aber vor allem diese negative 
Bedeutung des Begriffs, die man im Auge hat, wenn die Sponta¬ 
neität der Phantasie in der plötzlichen, einer Inspiration gleichen¬ 
den Entstehung ihrer Schöpfungen gesehen und nun wohl auch ihre 
schöpferische Kraft mit dieser Unabhängigkeit ihrer Gebilde von 
dem eigenen Willen des Schaffenden in unmittelbare Verbindung 
gebracht wird. Damit hängt dann unverkennbar wieder der geheim¬ 
nisvolle Zauber zusammen, der nicht bloß in den Augen der Menge 
die Produktionen des künstlerischen Genies umgibt, sondern der auch 
gelegentlich die Psychologie bei einer mystischen Metaphysik Hilfe 
suchen läßt. Das geschieht um so leichter, weil schon in der popu¬ 
lären Anwendung der Begriff der Phantasie zumeist der Region des 
normalen Seelenlebens entrückt und auf die spezifischen Leistungen 
der erfinderischen und namentlich der künstlerischen Phantasie ein¬ 
geschränkt wird. Damit wird dann auch die Psychologie dazu ver¬ 
fuhrt, nicht, wie es sonst bei allen ihren Problemen als Regel gilt, 
von den einfacheren und allgemeingültigen Phänomenen zu den ver- 
wickelteren und selteneren aufzusteigen, sondern umgekehrt mit 
diesen zu beginnen und die gewöhnliche Phantasietätigkeit höchstens 
als eine rudimentäre Form dieser vollkommeneren Leistungen gelten 
zu lassen. Dabei begibt es sich jedoch, daß die Eigenschaft der 
Spontaneität gerade bei der künstlerischen Produktion augenschein¬ 
lich in den zwei entgegengesetzten Bedeutungen zutreffen kann, die 
das Wort auf psychologischem Gebiet angenommen hat. Gewiß 
kann die Phantasietätigkeit hier ein vollkommen unwillkürliches Ge¬ 
schehen sein, und wahrscheinlich ist sie das ursprünglich immer. 
Doch nicht minder kann der Wille bald sie anregen, bald regulierend 
in sie eingreifen. Damit wird aber diese Eigenschaft überhaupt von 
fragwürdiger Bedeutung, und auf keinen Fall ist sie geeignet, irgend¬ 
wie als ein spezifisches Merkmal der Phantasie zu gelten. Vielmehr
        

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