Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/212/
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Die Phantasie in der Konst 
doppelter Weise wirksam werden. Einmal in dem Sinne, daß das 
Schutz- über das Schmuckbedürfnis die Oberhand gewinnt: dies 
natürlich vorzugsweise dann, wenn infolge der Ungunst des Klimas 
der Schutz besonders dringlich wird. Auf die Kleidung selbst wirkt 
dieses Moment, wie die Trachten der die Polarregionen bewohnen¬ 
den Völker zeigen, in hohem Grade ausgleichend. Das Schmuck¬ 
bedürfnis wird zurückgedrängt : es kommt höchstens bei beson¬ 
deren Gelegenheiten, z. B. bei Zauberzeremonien in dem Gewand 
der Schamanen, zur Geltung1). Tätowierung, Bemalung und son¬ 
stiger direkter Körperschmuck dagegen beschränken sich bei den 
Bewohnern des hohen Nordens auf dem amerikanischen wie asia¬ 
tischen Kontinent auf das allein sichtbare Angesicht. Doch läßt 
sich dieses Verhältnis nicht unbedingt umkehren: die Gebiete, wo 
das Schutzbedürfnis nur ein geringes ist, sind zwar Im allgemeinen 
auch solche, in denen besonders die Tätowierung ihre reichste Aus¬ 
bildung gefunden hat. Aber dies ist doch keineswegs konstant, wie 
namentlich die polynesischen Inseibevölkerungen zeigen, bei denen 
reiche und sparsame Tätowierungen oft auf naheliegenden Inseln 
nebeneinander bestanden, und wahrscheinlich vor der Ankunft der 
Europäer bereits Fluktuationen in der Herrschaft dieser Formen 
vorkamen. 
Doch jenes Ineinandergreifen von Schutz und Schmuck kann 
auch noch in einem zweiten, dem vorigen entgegengesetzten Sinne 
stattfinden, indem beide sich miteinander verbinden und nun die 
Gewandung selbst zur Hauptträgerin des Schmucks wird. Form, 
Farbe und ornamentale Ausstattung des Gewandes sind dann resul¬ 
tierende Produkte beider Faktoren, und aus dem wechselnden Über¬ 
gewicht des einen oder andern zusammen mit den weiter zurück¬ 
liegenden Motiven religiöser und sozialer Art resultieren nun die 
Erscheinungen, die den Inhalt der Geschichte der Kleidung von 
den frühen Anfängen der Kultur bis herab auf die Gegenwart 
ausmachen. Uns interessieren hier nur die Anfänge dieser Ge¬ 
schichte, und bei ihnen wieder vorzugsweise diejenigen Teile der¬ 
selben, wo das Schmuckbedürfnis noch nicht jene primären Motive 
x) Beispiele vom Kleiderschmuck der Eskimos vgl. bei L. M. Turner, The Hudson 
Bay Eskimo, Report of the EthnoL Bureau, Washington, XI, 1894, P* 2^ï ff*
        

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