Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/21/
Angebliche Merkmale der Phantasie. 
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bei den Produktionen der Phantasie manchmal besonders lebhaft 
der Beobachtung aufdrängen. Aber ebenso gewiß ist, daß weder 
die einzelnen noch alle zusammengenommen irgend sichere Kri¬ 
terien abgeben, um das, was wir Phantasietätigkeit nennen, von 
andern, gewöhnlich nicht dazu gerechneten Gebieten des seelischen 
Lebens abzugrenzen. Wohl sind die Gebilde der Phantasie an¬ 
schaulich. Aber wo gibt es denn Bewußtseinsinhalte, die über¬ 
haupt der Anschaulichkeit entbehren? Es könnte sich also höchstens 
um ein mehr oder minder handeln. Sobald wir uns aber einmal 
auf Grade der Anschaulichkeit einlassen, so bemerken wir unschwer, 
daß diese allenfalls ein Mittel abgeben können, um verschiedene 
Richtungen der Phantasieanlage zu unterscheiden, daß aber eben 
deshalb die Anschaulichkeit selbst als kein allgemeines Merkmal der 
Phantasie gelten kann. Es gibt z. B. Dichter, deren Schöpfungen 
eine eminent anschauliche Phantasie verraten. Aber es gibt andere, 
bei denen das durchaus nicht der Fall ist, und denen wir doch 
keineswegs die Phantasie absprechen können, ja denen wir nach 
anderer Richtung, z. B. nach der Fähigkeit der Erfindung und Kom¬ 
bination, einen hohen Grad derselben zuerkennen müssen. Ähnlich 
wie mit der Anschaulichkeit verhält es sich mit der Produktivität 
der Phantasie. Natürlich ist ja dieses Wort überhaupt nur im rela¬ 
tiven Sinne zu verstehen. Keine Phantasie der Welt kann etwas 
absolut Neues produzieren, sondern die Eigenschaft der Produktivi¬ 
tät besteht eben in der Fähigkeit, das einmal Erlebte in veränderten 
Anordnungen zu wiederholen, also in der Eigenschaft, durch die man 
die Phantasie von dem Gedächtnis zu unterscheiden pflegt. Da¬ 
nach würde die sogenannte Produktivität der Phantasie nur in einer 
besonderen, freieren Form der Reproduktivität bestehen, nämlich in 
der Kombination verschiedener Wahmehmungsinhalte zu einem 
neuen, eigenartigen Ganzen. Das ist dann aber wieder eine Eigen¬ 
schaft, die der Phantasie keineswegs spezifisch eigentümlich ist, und 
die sogar in solchen Fällen, wo diese in anderer Richtung, z. B. 
nach der Seite der Anschaulichkeit, stark entwickelt ist, verhältnis¬ 
mäßig zurücktreten kann. Darum ist auch sie wiederum viel mehr 
geeignet, gewisse Formen der Phantasiebegabung zu unterscheiden* 
als die Phantasie überhaupt zu kennzeichnen. Dies gilt um so mehr, 
als die Erfahrung zu lehren scheint, daß die Gabe der Anschaulichkeit
        

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