Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/203/
Die Entwicklung der Zierkunst. 
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aus der Schlange kaum eine Spur mehr zu erkennen ist (C)x). 
Pflanzenmotive wie diese begegnen uns aber auch auf Überresten 
mykenischer und altgriechischer Kunst, und wenn sich hier die 
Übergänge meist nicht mehr mit der gleichen Deutlichkeit nach- 
weisen lassen, so spricht doch häufig schon der phantastische, von 
wirklichen Pflanzen oft beträchtlich abweichende Charakter dieser 
frühesten Pflanzenornamentik für einen solchen heterogenen Ursprung. 
Der Vorgang wird demnach auch hier wiederum als eine Auslösung 
assimilativer Reproduktionen durch einen äußeren Eindruck aufzu¬ 
fassen sein, der, an sich von ganz abweichender Bedeutung, durch 
übereinstimmende Elemente jene Umgestaltung der Vorstellung be¬ 
wirkte, die sich nun alsbald auf die unter ihrem Einfluß entstehende 
Zeichnung übertrug. Wir sehen zugleich deutlich an diesem Bei¬ 
spiel, wie sich dieser Vorgang mehrmals nacheinander und in 
fortwährendem Wechsel der Assimilationen erneuern kann. Zunächst 
ist die Tierzeichnung, wahrscheinlich unter dem Einfluß der in Form 
horizontaler und schräger Linien vorhandenen Herstellungsmotive, 
zu einem symmetrisch sich wiederholenden Gebilde stilisiert worden 
(Fig. 46 A). Dann hat das so entstandene Schlangengewinde das 
Bild eines Pflanzengeflechts erweckt, das nun ein eigentümliches, 
zwischen dem tierischen Original und der assoziativ wirksamen pflanz¬ 
lichen Form mitteninne stehendes Gebilde entstehen ließ [B)\ bis 
endlich die neue Vorstellung immer mächtiger wurde, so daß schlie߬ 
lich die ursprüngliche Tierform ganz verschwand und das Blumen¬ 
gewinde allein übrigblieb. Die so aus der Wechselwirkung dieser 
Motive hervorgegangene phantastische Pflanzenform wurde dann erst 
durch eine sich daran anschließende weitere Angleichung wirklichen 
Pflanzen ähnlicher und ging schließlich in die unmittelbare Nach¬ 
ahmung derselben über. 
So beruht die Entstehung der Ornamente des Pflanzenreichs 
ebensowenig wie die der Tierwelt auf einem willkürlichen Einfall 
oder einer plötzlichen Inspiration, sondern auch hier entspringt jede 
Neubildung aus einer bereits vorhandenen Anlage, die bei den 
Zwischenstufen der Entwicklung in der Regel dem gleichen, bei 
den entscheidenden Wendepunkten aber einem heterogenen Gebiet 
*) A. R. Hem, Die bildenden Künste bei den Dayaks auf Borneo, 1890.
        

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