Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/20/
Die Phantasie. 
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und dadurch verändert werden, erfüllt sein kann. Im einen wie 
im andern Falle handelt es sich also nicht im allergeringsten um 
wirkliche Beobachtungen, sondern um logische Überlegungen und 
schließlich der Hauptsache nach um Folgerungen aus willkürlich 
definierten Begriffen. Nach diesen Begriffen und den aus ihrer De¬ 
finition gezogenen Schlüssen müssen sich die Tatsachen richten. 
Wäre Wolff nicht im Zweifel gewesen, ob die Tiere überhaupt eine 
Seele besitzen, so würde er ihnen wahrscheinlich Einbildungskraft, 
aber kein Gedächtnis zugeschrieben haben, da er dazu ein gewisses 
Maß willkürlicher Aufmerksamkeit für nötig hielt Herbert Spencer 
erklärt umgekehrt, die Tiere und selbst die niederen Menschenrassen 
seien nur mit »erinnernder Einbildungskraft « ausgerüstet, die kom¬ 
binierende Phantasie sei aber das Privilegium einer höheren Kultur. 
Gleichwohl hat dieser Philosoph selbst in seiner »Soziologie« ein 
reiches Material von Tatsachen gesammelt, in denen mancher andere 
wahrscheinlich die Symptome einer wilden, das Entlegenste kom¬ 
binierenden Phantasie primitiver Völker erblicken würde1). 
3. Angebliche Merkmale der Phantasie. 
Ebenso mißlich wie mit den Versuchen, die Phantasie gegen die 
ihr nächstverwandten psychischen Funktionen abzugrenzen, verhält 
es sich mit den einzelnen Eigenschaften, die als kennzeichnend für 
ihre Wirksamkeit angeführt werden. Als solche gelten namentlich 
drei: die Anschaulichkeit, die Produktivität und die Spon¬ 
taneität. Die Gebilde der Phantasie sollen anschaulich sein, und 
diese Eigenschaft soll sie vornehmlich von den Produkten des Ver¬ 
standes, den Begriffen, scheiden. Sie sollen ferner nicht bloße 
Wiederholungen früher gehabter Anschauungen, sondern schöpferisch 
sein. Und sie sollen endlich von selbst, spontan, als plötzliche, oft 
unvermutete Eingebungen in die Seele treten, wieder im Unterschiede 
von den planmäßig und absichtlich entstehenden Erzeugnissen des 
verstandesmäßigen Denkens*). 
Es läßt sich wohl nicht bestreiten, daß sich solche Eigenschaften 
x) Herbert Spencer, Soziologie, deutsch von B. Vetter, I, 1877, S. 112. 
2) A. Oelzelt-Newin, Über Phantasievorstellungen, 1889, S. 1 ff.
        

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