Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/180/
Die Phantasie in der Konst. 
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lung. Er gehört der Vergangenheit an. Seine Formen, vor allem 
die Bemalung und Tätowierung, sind spezifische Formen primitiver 
Kunst. Auch das hängt aber wieder damit zusammen, daß diese 
Kunst des eigenen Körperschmucks vielleicht mehr als irgendeine 
andere in der Weltanschauung des Naturmenschen ihre Wurzeln 
hat. Dies zeigt sich vor allem an den beiden Formen der Täto¬ 
wierung. Jede von ihnen repräsentiert die ursprüngliche Tendenz 
dieser kosmetischen Kunst von einer andern Seite aus. Beide 
stimmen aber darin zusammen, daß die Tätowierungszeichen Schutz- 
und Schmuckmittel zugleich sind. Als Schutzmittel sollen sie den 
Naturmenschen nicht, wie die Kleidung, vor den Unbilden des 
Wetters, sondern sie sollen ihn vor den Dämonen und dem Zauber 
böswilliger Feinde schützen. Amulett und Talisman sind, wie wir 
später sehen werden, die steten Begleiter einer primitiven Kultur. 
Denn sie sind von dem Zauberglauben, von dem diese erfüllt ist, 
ebenso unzertrennlich wie die Waffe und der Schild von dem blu¬ 
tigen Kampfe; und in Wahrheit spielt dieser stille Kampf gegen 
den Zauber, der den Naturmenschen in Krankheit, Tod und sonstigem 
Mißgeschick überall umgibt, eine nicht geringere Rolle in seinem 
Leben wie der Kampf mit feindlichen Stämmen. Die Zeichen der 
Bemalung und Tätowierung besitzen aber durchaus die Bedeutung 
der Amulette und Talismane, und ihr Wert besteht ursprünglich 
wohl nicht zum kleinsten Teile darin, daß sie den Menschen immer 
begleiten und ihm durch keine äußere Gewalt entrissen werden 
können. Die beiden Formen der Tätowierung entsprechen hier 
zugleich den beiderlei Hilfsmitteln, über die der primitive Mensch 
verfügt, um in Zauber und Gegenzauber den Mächten zu begegnen, 
von denen er sich gefährdet glaubt. Bei der symbolisierenden 
Tätowierung stellt er sich unter den Schutz der Geister und Dämonen, 
deren symbolische Zeichen er an seinem Leibe trägt. Bei der mar¬ 
kierenden sucht er durch die Macht seiner eigenen Seele nach 
außen zu wirken, nicht anders, als wie auch andere Betätigungen 
des Ausdrucks, z. B. der Blick oder die drohende Miene des Ange¬ 
sichts, da sie das Gefühl der Furcht erregen, nach dem Glauben 
des Naturmenschen unmittelbar furchtbare Zauberwirkungen hervor¬ 
bringen. Die markierenden Linien des Angesichts wollen nur diese 
natürliche Macht der Mimik verstärken und dauernd ihrem Träger
        

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