Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/18/
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Die Phantasie. 
Fragen sind ihrer Natur nach solche der individuellen Psychologie. 
Denn sie setzen Selbstbeobachtung, also experimentelle Analyse der 
Bewußtseinsvorgänge voraus, ohne die keine einigermaßen sichere 
Selbstbeobachtung möglich ist. Hiermit ist freilich auch schon 
gesagt, daß die Antworten, die uns hier die überlieferte Psycho¬ 
logie bietet, mangelhaft, wenn nicht völlig unbrauchbar sind. Denn 
sie stützen sich durchweg auf jene »reine Selbstbeobachtung«, die 
bestenfalls einzelne Fragmente des wirklichen Geschehens und ge» 
wisse resultierende Produkte desselben erhascht, in der Regel aber 
aus einem Gemenge solch lückenhafter Beobachtungen mit daran 
geknüpften Abstraktionen und Reflexionen besteht. Dahin gehören 
vor allem schon die Unterscheidungen zwischen Phantasie und 
Gedächtnis. Bei ihnen pflegen sich die Wege der älteren und der 
neueren Psychologie von vornherein dadurch zu scheiden, daß 
jene ihre Begriffe dem gewöhnlichen Verlaufe der Bewußtseinsvor¬ 
gänge zu entnehmen sucht, während diese zunächst von der künst¬ 
lerischen Phantasietätigkeit als der, wie man meint, klarsten und 
vollkommensten Erscheinungsform ausgeht und von da aus dann 
sozusagen retrospektiv die Vorstufen dieser höchsten Funktionsäuße¬ 
rung zu beleuchten sucht. Daraus ergibt sich dann der merkwür¬ 
dige Gegensatz, daß die Vermögenspsychologie Wolffs in der Phantasie 
die niedrigere, in dem Gedächtnis die höhere Stufe seelischer Funk¬ 
tionen sah, während moderne Philosophen und Psychologen durch¬ 
aus geneigt sind, dieses Verhältnis umzukehren. Zuerst, so meinte 
Wolff, muß die »Einbildungskraft« existieren, das Vermögen, sich 
überhaupt etwas nicht Gegenwärtiges vorzustellen. Kommt dann 
dazu der Wille, aus dem »Eingebildeten« auszuscheiden, was im 
ursprünglichen Eindruck nicht enthalten war, so entsteht das Ge¬ 
dächtnis. In ähnlichem Sinne verlegte noch Kant den ursprüng¬ 
lichen Unterschied beider in das unwillkürliche Produzieren der 
Phantasie, den willkürlichen Leistungen des Gedächtnisses gegen¬ 
über1 2). Indem er aber dieser ursprünglich unwillkürlichen und im 
allgemeinen reproduktiven die produktive Phantasie als Dichtungs- und 
Erfindungsvermögen gegenüberstellt, wendet sich seine Würdigung 
x) Wolff, Vera. Gedanken von Gott, der Welt, der Seele des Mensehen usw. 
2. Teil4 1740, S. 150. Kant, Anthropologie, g 27 ff.
        

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