Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/172/
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Die Phantasie in der Kunst 
zwar das Rot nicht gänzlich verbannt, aber für den gewöhnlichen 
Gebrauch zum Violett ermäßigt hat. Durch alle diese spezielleren 
Motive und ihre Wandlungen hindurch bleibt jedoch das herrschende 
Grundmotiv das der Geltendmachung der eigenen Persönlichkeit, 
das sich dann nur jeweils gewissen Normen der Sitte oder des 
Kultus unterordnet. Eben dadurch kann es nun aber auch kommen, 
daß solche sekundäre soziale und religiöse Motive im Laufe der 
Zeit wieder verloren gehen, und daß dann der Schmuck entweder 
als unverstandener Brauch oder als kosmetisches Mittel, das der 
Willkür des einzelnen überlassen ist, zurückbleibt. 
Wo die Bemalung, wie dies in den meisten Fällen geschieht, 
nicht ganze Körperflächen gleichmäßig trifft, sondern in einzelnen 
Strichen oder bandförmigen Streifen besteht, da hat sich nun, wie 
man vermuten darf, ursprünglich als ein Verfahren dauernder Fi¬ 
xierung die Tätowierung entwickelt Hierfür spricht besonders 
noch der Umstand, daß sie gerade in ihren primitiven Formen 
durchaus die einfache Bemalung zu ihrem Vorbild zu haben scheint. 
Ihre ursprünglichste Form ist nämlich offenbar die der einfachen 
Narbentätowierung, wie sie bei den Australiern und bei manchen 
melanesischen und afrikanischen Negerstämmen geübt wird. Je 
dunkelfarbiger die Haut ist, um so mehr hebt sich hier das helle 
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Narbengewebe als Äquivalent einer dauernden weißen Bemalung 
hervor. Bei den hellerfarbigen Stämmen, wie bei den Polynesiern 
und den Völkern des amerikanischen Westens, fuhrt dann dasselbe 
Prinzip des Kontrastes zu jener Kombination von Narbenbildung 
und Bemalung, in der erst die eigentliche, kunstmäßige Tätowie¬ 
rung besteht. Auch sie zerfallt wieder in eine einfachere und in 
eine verwickeltere Form: in die Schnitt- und die Stichtätowie¬ 
rung. Von ihnen lehnt sich die erstere unmittelbar an die einfache 
Narbentätowierung an, von der sie sich nur durch die Eintragung 
von Farbe in die Schnittwunden unterscheidet. Bei der Stichtäto¬ 
wierung, der vollendetsten, mit besonderer Virtuosität in Polynesien 
geübten Methode, wird schließlich die in den vorigen Fällen nicht 
zu vermeidende wulstige Narbenbildung dadurch verhütet, daß die 
Linien der Zeichnungen aus einer Menge feiner Stiche zusammen¬ 
gesetzt sind, in die dann der Farbstoff eingetragen wird.
        

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