Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/17/
Definitionen der Phantasie. 
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neue Einschläge aufnehmen und sich schließlich mit Gebilden ver¬ 
wandter oder selbst ganz heterogener Art verbinden. Kein Wunder 
daher, daß man sich nicht selten mit einer nach oberflächlichen 
Merkmalen hergestellten logischen Ordnung der letzten Ergebnisse 
der Phantasietätigkeit zufriedengibt. 
Nun ist es gewiß richtig, daß aus keiner Quelle voraussichtlich 
reichere Erkenntnisse über das Walten der Phantasie in ihrer natür¬ 
lichen und allgemein menschlichen Gesetzmäßigkeit zu schöpfen 
sind, als aus der Völkerpsychologie, und daß hier wieder Mythen¬ 
bildung und Religion allen andern Erscheinungen voranstehen. Aber 
diese Tatsachen des Völkerlebens sind doch überall schon sehr 
komplexe Resultanten, die, solange man sich gegenüber der Frage 
nach der psychologischen Natur der Phantasietätigkeit mit ab¬ 
strakten Allgemeinbegriffen behilft, schließlich nur Probleme auf¬ 
geben, nicht solche lösen können. Dazu vermöchten sie erst bei¬ 
zutragen, wenn die Phantasie selbst in ihrer Wirksamkeit innerhalb 
des individuellen Bewußtseins zureichend erforscht wäre. Darum 
bleibt die elementare Analyse der Phantasietätigkeit eine Aufgabe 
der experimentellen Psychologie, die mit ihren Hilfsmitteln hier 
wie überall an das individuelle Bewußtsein gebunden ist. Hat sie 
diese Aufgabe erledigt, so muß sie aber dann allerdings deren 
Wetterführung der Völkerpsychologie anheimgeben, die nun ihrer¬ 
seits allein imstande sein wird, ein alle Stufen des Bewußtseins um¬ 
fassendes Bild der Phantasie und ihrer Entwicklungsgesetze zu ent¬ 
werfen. Auch hier trifft wieder die Analogie mit dem Verhältnis 
zwischen Ausdrucksbewegung und Sprache vollkommen zu. Wir 
würden die Grundmotive der Sprache ohne die psychologische 
Analyse der Ausdrucksbewegungen und ihrer individuellen Motive 
nicht verstehen lernen. Über die allgemeinen Formen und Gesetze 
des Ausdrucks geistiger Vorgänge gibt uns aber doch nur die Sprache 
selbst zureichenden Aufschluß. 
2. Definitionen der Phantasie. 
Was ist nun die Phantasie? Was geht in uns vor, wenn wir 
von einer » Phantasietätigkeit « sprechen? Und worin unterscheidet 
sich diese von irgendwelchen andern seelischen Erlebnissen? Diese
        

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