Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/15/
Erstes Kapitel. 
Die Phantasie. 
L Die Phantasie als allgemeine seelische Funktion. 
i. Die Phantasie als Objekt der Völkerpsychologie. 
Io dem Verhältnis der Einzelseele zur Volksseele, wie es die ein¬ 
leitenden Betrachtungen dieses Werkes festzustellen suchten, liegt es 
begründet, daß jedes der Hauptgebiete, in das sich die Völker¬ 
psychologie vermöge der Natur der gemeinsamen seelischen Erleb¬ 
nisse und Erzeugnisse gliedert, auf bestimmte individuelle Funktionen 
zurückfuhrt1). Doch ihren völkerpsychologischen Charakter gewinnen 
überall die Erscheinungen erst dadurch, daß die Bedingungen des 
gemeinsamen Lebens hinzukommen müssen, wenn jene individuellen 
Anlagen zu ihrer vollen Ausbildung gelangen sollen. Darum stehen 
die psychischen und psychophysischen Grundfunktionen, aus denen 
die dem geistigen Leben der Gemeinschaft spezifisch eigentümlichen 
Schöpfungen entspringen, ebenso am Anfang wie am Ende dieser 
Entwicklung: am Anfang, weil sie ihrer allgemeinen Anlage nach 
dem individuellen Bewußtsein angehören ; am Ende, weil ihre voll¬ 
kommeneren Formen durchaus an die Bedingungen des gemeinsamen 
Lebens gebunden sind. So hat die Sprache ihre Quelle in den 
Ausdrucksbewegungen. Sie selbst ist aber nur die entwickeltste, 
nach den geistigen Eigenschaften der Gemeinschaften und der Ein¬ 
zelnen am reichsten differenzierte unter ihnen. 
Eine ähnliche Stellung wie die Ausdrucksbewegungen zur Sprache 
nimmt nun die Phantasie zu Mythus und Religion ein. Die 
letzte Quelle aller Mythenbildung, aller religiösen Gefühle und 
i* 
x) VgL Bd. I, i, S. io f.
        

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