Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/147/
Mensch and Tier in der bildenden Knnst. 
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der Mehrzahl der Fälle solche bevorzugt werden, die eine gewisse 
Menschenähnlichkeit erkennen lassen, wie der Löwe und besonders 
Repräsentanten der Klasse der Vögel. Der Vogelkopf erscheint 
aber infolge der charakteristischen Bildung des Schnabels und des 
Auges vornehmlich in der Profilstellung in hohem Grade menschen¬ 
ähnlich, so daß man bei Figuren von etwas stilisierter Einfachheit 
manchmal zweifeln kann, ob sie einen Vogelkopf oder ein mensch¬ 
liches Angesicht darstellen sollen. Indem der Schnabel des Vogels 
als Nase aufgefaßt wird, entsteht so das Bild eines Angesichts ohne 
Mund, das einigermaßen an die mundlosen Gesichtsmasken und die 
australischen Höhlenbilder erinnert (s. oben Fig. 9, S. 123). Durch 
diese charakteristischen Formeigenschaften kann wohl der Eindruck 
verstärkt werden, den der Vogel durch die Stellung hervorgerufen hat, 
die ihm der Seelenglaube als dem Träger der Seele anwies. Ist es 
auch zunächst der Flug des Vogels, mit dem diese Vorstellung ver¬ 
knüpft ist, so mag doch zugleich die eigentümliche Menschenähnlich¬ 
keit, die besonders das ausdrucksvolle Auge dem Vogel verleiht, hier 
den vogelköpfigen Doppelgestalten einen Vorzug verschafft haben. 
Auch hier fließen eben aller Wahrscheinlichkeit nach von Anfang an 
mythologische und ästhetische Motive zusammen. Für den primi¬ 
tiven Menschen ist nicht der Genosse, der ihm an Gestalt und Wesen 
gleicht, sondern das Tier, das ihm ähnlich und fremd zugleich ist, 
der Träger eines eigenartigen bald gefürchteten, bald bewunderten 
geistigen Lebens. Dieses Leben findet aber wieder seinen nächsten 
Ausdruck im Angesicht. Darum werden nun die Attribute des 
Tiers und vor andern wieder die des tierischen Angesichts auf die 
hervorragenden unter den Genossen oder auf die Stammväter der 
Sippe oder endlich auf die menschenähnlichen Götter und Dämonen 
übertragen. Indem die dem Tiere je nach seiner Eigenart zugeschrie¬ 
benen Eigenschaften in gesteigertem Grad auf die mit ihren Attri¬ 
buten ausgestatteten Geschöpfe der Phantasie hinüberwandem, wird 
so zu einer Zeit, wo die Wiedergabe der Menschengestalt als solcher 
noch die typische Gleichförmigkeit der frühesten Erinnerungskunst 
zeigt, die tierisch-menschliche Doppelform zum frühesten natür¬ 
lichen Hilfsmittel einer individuellen Charakteristik, die, wie jede be¬ 
ginnende Unterscheidung, wirkliche Eigenschaften phantastisch über¬ 
treibt und sie mit eingebildeten vermischt, die in den mannigfachen
        

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