Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/145/
Mensch and Tier in der bildenden Kunst. 
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daß das dargestellte Wesen im ganzen als Mensch gedacht wird, 
daß aber an den geistigen Eigenschaften, die vor allen andern 
Körperteilen das Gesicht ausdrückt, das Wesen des Tieres teil¬ 
nehmen soll. Wie der primitive Mensch alle Menschen im wesent¬ 
lichen einander gleich darstellt, so sind ihm auch die Genossen des 
gleichen Stammes so vertraut wie sein eigenes Selbst. In dem Tiere 
dagegen tritt ihm etwas Fremdartiges entgegen, so daß ihm nun 
der Tierkopf verbunden mit der Menschengestalt zum Mittel einer 
spezifischen Charakterisierung auch der individuellen menschlichen 
Eigenart wird, besonders einer solchen, die, sei es im guten, sei es 
im schlimmen, über das allgemein menschliche Mittelmaß empor¬ 
ragt Darum kennzeichnete der nordamerikanische Indianer vor 
andern den Stammeshäuptling oder einen hervorragenden Kriegs¬ 
helden dadurch, daß er seinem Bilde den Kopf des Sperbers, des 
Falken, des Hirsches oder des sonst als Stammvater der Sippe 
geltenden Tieres gab, worauf dann dasselbe Symbol zum allgemein 
gebrauchten Totemzeichen des Stammes wurde. In ähnlichem Sinne, 
wenn auch nicht in gleicher Ausdehnung, sind solche Doppel¬ 
formen überall wieder in der primitiven Kunst zu finden, sobald 
das Streben sich regt, einzelne Menschen vor andern auszuzeichnen 
oder auch die menschlich gedachten Götter im Bilde daraistellen. 
Daran schließt sich dann von selbst die Steigerung dieses Stre- 
bens, indem man die Attribute häuft und so aus der ursprünglichen 
Doppelform schließlich eine phantastische Vielgestalt hervorgehen 
läßt. Hier breitet sich dann bald die tierische Bildung vom Kopf 
auf die übrigen Körperteile aus, bald erscheint wohl auch ein 
menschlicher Kopf inmitten tierischer Attribute. So sieht man in 
den nachstehenden, einer Bilderschrift nordamerikanischer Indianer 
entnommenen Figuren (Fig. 14) in A den Vogelkopf mit dem Ober¬ 
körper und Arm eines Menschen verbunden, in B Kopf und Flügel 
des Vogels auf menschlichem Körper, in C endlich ein mensch¬ 
liches Gesicht, das von gewaltigen Hörnern gekrönt ist, am Leibe 
aber die Flügel und unten die Schwanzfedern des Vogels trägt1). 
*) Schoolcraft, Ethnological Researches resp. the red man of Amerika. (Historical 
and statistical informations resp. the history, condition and prospects of the Indian 
Tribes) 1851. I, p. 358 ff., pi. 51, 52.
        

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