Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/139/
Mensch und Tier in der bildenden Knnst. 
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dings fehlen solche Abweichungen von zuweilen phantastischem 
Charakter auch bei den Tierformen durchaus nicht, wie die Fig. E 
zeigt, die wahrscheinlich eine solche darstellen soll. Aber da¬ 
zwischen kommen hier doch immer wieder Bilder von überraschen¬ 
der Treue vor, während der Spielraum, in dem sich die auf den 
menschlichen Körper oder einzelne Teile desselben zurückgehen¬ 
den Formen bewegen, fast unabsehbar groß ist. Nun zeigt sich 
gerade hier, wo wir den Prozeß der sogenannten Stilisierung ge¬ 
wissermaßen in seinem Entstehungsmoment beobachten können, 
daß er aus zwei ineinander eingreifenden Faktoren besteht, die 
sich in verschiedenem Maie beteiligen können: aus einer Verein¬ 
fachung und aus einer Variierung der Formen. In Fig. C über¬ 
wiegt z. B. sichtlich die Vereinfachung; aber in der Umgestaltung 
der einzelnen Teile macht sich zugleich stark eine variierende Ten¬ 
denz geltend. Diese hat dann ganz die Oberhand in Fig. D\ bei 
der nur der Kopf die menschliche Form bewahrt hat, der übrige 
Körper dagegen nur noch aus der Wiederholung eines und desselben 
geometrischen Motivs zu bestehen scheint. Endlich in Fig. E und F 
bleibt es ungewiß, ob die Zeichnungen Tiere oder Menschen be¬ 
deuten sollen. Wenn sich übrigens die Variierung der menschlichen 
Formen innerhalb eines weiteren Spielraumes bewegt, als im allge¬ 
meinen die der tierischen, so ist dies wohl zu einem wesentlichen 
Teil auch darin begründet, daß solche primitive Zeichnungen jeden¬ 
falls sehr häufig die Bedeutung von Erinnerungsmalen oder wohl 
auch geradezu einer Bilderschrift annehmen. Denn es ist durchweg 
die Eigenschaft der primitiven Bilderschrift im Gegensätze zu ihren 
späteren Weiterbildungen, in denen Tiere, Pflanzen und sonstige 
Objekte eine große Rolle spielen, daß der Mensch in den ver¬ 
schiedenen Modifikationen seiner Gestalt und seiner einzelnen Körper¬ 
teile das am häufigsten verwendete Zeichen ist. Der Grund dieses 
Übergewichts liegt aber hier offenbar in dem engen Zusammen¬ 
hänge, in dem Gebärdensprache und ursprüngliche Bilderschrift zu¬ 
einander stehen. Wo das Bildzeichen, wie das in den einfachsten 
Fällen Vorkommen kann, lediglich in einer schematischen Wieder¬ 
gabe der Gebärde besteht, da geht natürlich auch die Zeichnung 
des die Gebärdenbewegung ausfuhrenden Menschen oder des fiir 
diese Bewegung wesentlichen Körperteiles in die Zeichnung ein.
        

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