Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/136/
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Die Phantasie in der Konst. 
wahrscheinlich zwischen Buschmännern und Zulukaffem, beide in 
Fig. ii durch übertriebene Größenunterschiede gekennzeichnet, um 
den Besitz einer Viehherde verewigt. Demgegenüber soll die Fig. 9 
wohl einen magischen Zauber auf den Beschauer ausüben. Der 
primitive Künstler hat vermutlich erprobt, daß dieser Eindruck vor 
allem vom Blick ausgeht, und daß diese Wirkung des Blickes durch 
das ohnehin, wie alles Ungewohnte, furchterregende Fehlen des 
Mundes gesteigert wird. Daher man denn auch anderwärts teils in 
Zeichnungen, teils und besonders in den bei religiösen Zeremonien 
verwendeten Masken dem gleichen Fehlen des Mundes oder zuweilen 
auch umgekehrt dem der Augen bei weit geöffnetem Munde be- 
Fig. ii. Buschmannszeichnung. 
gegnet1). Im Gegensätze zu solchen religiösen Motiven, die das 
Bild des Menschen der Wirklichkeit entfremden, sind nun umgekehrt 
bei Kunstleistungen, wie sie etwa Fig. 10 und 11 darbieten, die Be¬ 
dingungen der wirksamen Äußerung künstlerischer Begabung be¬ 
sonders günstig gewesen. In Fig. 11, ebenso wie in Fig. 10, hat der 
primitive Künstler dargestellt, was ihm aus der Beobachtung das 
Geläufigste war. Freilich sind auch diese Bilder Produkte einer 
reinen Erinnerungskunst. Das fliehende Wild oder der Kampf der 
Stämme halten an und für sich keiner Beobachtung stand. Aus 
dem Gedächtnis sind also alle diese Dinge gezeichnet worden. Aber 
dem Jäger hat sich das Tier, das er jagt, dem im Streit mit feind- 
*) Die in Fig. 9 wiedergegebene, um 1836 entdeckte Zeichnung befand sich im 
Eingang einer Höhle, in deren Innerem sich noch mehrere dieser im wesentlichen 
gleiche, zum Teil mit mystischen Zeichen versehene Figuren befanden. Sie sind 
abgebildet bei G. Mallery, Picture-Wanting of the American Indians, Ethnol. Rep. 
Washington, X, 1893, P- 4^9*
        

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