Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/130/
118 
Die Phantasie in der Kunst 
den Ausdruck der Ruhe gewinnt. Darum bleibt die Plastik fortan 
gebunden an die Architektur; oder wo sie aus dieser heraustritt, da 
fordert sie mindestens einen architektonischen Unterbau und Hinter¬ 
grund oder, wo ein solcher mangelt, eine Naturumgebung, die das 
Kunstwerk architektonisch umschließt. 
Hier scheidet sich nun von frühe an die Malerei. Wie das leich¬ 
ter zu handhabende Material williger der Phantasie folgt, um die 
einzelnen Züge in einer treu die lebendige Wirklichkeit wiedergeben¬ 
den Farbe und Beleuchtung festzuhalten, so setzt es auch der Kom¬ 
bination mannigfacher Gestalten untereinander und mit den Objekten 
der umgebenden Welt keinen Widerstand entgegen. So wird die 
Malerei, obgleich und zugleich weil sie der unmittelbaren körper¬ 
lichen Wirklichkeit entbehrt, die freieste der Künste, und sie bewährt 
dies auch weiterhin in ihren verschiedenen Verzweigungen. Auf 
der einen Seite gewinnt sie in der Porträtkunst, in der Tiermalerei, 
in Genrebild und Stilleben eine Reihe von Ausdrucksmitteln für das 
Charakteristische, wobei sich zugleich in dem Objekt eine be¬ 
stimmte seelische Stimmung verkörpert. Auf der andern Seite wird 
sie in der Landschaftsmalerei zum direkten Ausdruck der Gefühle, 
indem sie die Natur in der Mannigfaltigkeit ihrer Gestaltungen 
wiedergibt, eben deshalb aber von der Nachbildung des einzelnen 
sich entfernt, um schließlich nur noch jene subjektive Stimmung 
selbst in einer ihr adäquaten Naturumgebung zu spiegeln. Daneben 
vermag sie sich aber vermöge der unendlichen Beweglichkeit ihrer 
Kunstmittel nach einer andern Richtung, in dem allegorischen und 
dem historischen Gemälde, wiederum den Grenzen der monumen¬ 
talen Plastik zu nähern, wobei sie dann in dem größeren Reichtum 
ihrer Mittel Ersatz sucht für das, was ihr an den imposanten Wir¬ 
kungen der eigentlichen Monumentalkünste, Architektur und Plastik, 
mangelt. 
Eine ähnliche Mittelstellung nehmen endlich vermöge der äuße¬ 
ren Bedingungen, unter denen sie arbeiten, die zeichnenden 
Künste ein. Bei ihnen hebt das Fehlen der Farbe den Eindruck 
der reinen Form als solcher, während vor allem die durch die 
Feinheit ihrer Mittel wieder vor den andern hervorragende Radier¬ 
kunst gleichwohl den ganzen Reichtum malerischer Motive hinzu¬ 
bringt. Charakteristisch für diese Eigenart bleibt es daher, daß
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.