Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/114/
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Die Phantasie in der Kunst. 
kunst ist aber diese Stufe nicht bloß in dem Sinne, daß sie Er¬ 
innerungszeichen und Denkmäler hervorbringt, die über den Augen¬ 
blick und seine nächste Umgebung hinausreichen, sondern auch 
noch in dem andern, in welchem dieser Ausdruck für die Augen¬ 
blickskunst ebenfalls gilt: insofern sie nämlich ihre Objekte ganz 
und gar nur aus der Erinnerung bildet Von einer Nach¬ 
ahmung, welche die unmittelbare Gegenwart der Objekte und die 
Vergleichung mit ihnen fordert, ist auch hier noch nicht die 
Rede. Ebenso steht in dieser Erinnerungskunst zunäcl# immer noch 
der praktische Zweck voran: sie will die Personen oder Ereignisse 
festhalten; aber sie bildet sie nur deshalb mehr oder weniger treu 
nach, weil dadurch jener Zweck am sichersten erreicht wird. Die 
schon in der Augenblickskunst hervorgetretenen divergierenden Ten¬ 
denzen wachsender Treue der Nachbildung und einer immer weiter 
vom Gegenstand selbst sich entfernenden Vereinfachung setzen sich 
darum auch hier fort, und jede von ihnen entwickelt sich in der 
eingeschlagenen Richtung weiter. Dabei wird die Nachbildung um 
so treuer und die aus der Vereinfachung entspringende Stilisierung 
um so regelmäßiger, je mehr das schwierigere Material sorgfältigere 
Arbeit fordert. Freilich kommt auch hier diese äußere Erschwe¬ 
rung nicht mit einem Male der künstlerichen Betätigung zugute, 
sondern erst durch die Verkettung der Folgen, die sie mit sich 
führt. Die Absicht der dauernden Erhaltung der gezeichneten Bil¬ 
der und Merkzeichen erheischt das festere Material, die Bearbeitung 
dieses Materials die größere Mühe und Zeit, und dieses Mehr an 
Mühe und Zeit überträgt sich nun auf das Streben, das Bild sorg¬ 
fältiger zu gestalten, so daß dieses Streben eigentlich selbst erst im 
Kampfe mit dem widerstrebenden Material entsteht. Ein solches 
an Dauer jedes andere überbietende Material ist vor allem der Stein. 
Die Baumrinde, die leicht mit Stein oder härterem Holze geritzt 
werden kann, steht noch auf der Übergangsstufe zur Augenblicks¬ 
kunst. Der Knochen und das Horn der Tiere gehören, da sie nur 
kleinere Flächen zur Bearbeitung bieten, bereits zu den frühesten 
Objekten der Zierkunst, bei denen der Zweck, der Erinnerung zu 
dienen, zurücktritt. Das gleiche gilt von den Metallen, die später 
Knochen und Horn zum großen Teil abiösen, sowie nicht minder 
von dem Ton, der in den aus ihm hergestellten Gefäßen, dann aber
        

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