Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/111/
Grundlinien einer psychologischen Entwicklungsgeschichte der bildenden Kunst, gg 
Form der Bilderschrift, und es steht hier gewissermaßen in der 
Mitte zwischen der Gebärdensprache und der entwickelteren, durch 
dauerndere Erinnerungszeichen fixierten Bilderschrift und ihren Ab¬ 
kömmlingen. Darum verbindet es sich auch schon vielfach mit 
jenen einfachsten symbolischen Zeichen, die in geradlinigen Strichen 
bestehen und je nach dem Zusammenhang teils Zahlen, teils Rich¬ 
tungen im Raume bedeuten können1). 
Wahrscheinlich hat es einer sehr langen Zeit bedurft, bis der 
primitive Mensch die Stufe der AugenbUckskunst überschritt. Was 
diese gegenüber allen späteren Entwicklungen auszeichnet, das ist 
aber weniger die Unvollkommenheit der Bilder als die gänzliche 
Abwesenheit künstlerischer Zwecke. Der primitive Mensch hat bei 
diesen in ein vergängliches Material eingetragenen Zeichnungen 
weder den Zweck die Gegenstände treu nachzubilden, noch ist es 
ihm überhaupt um deren Nachbildung zu tun; sondern er will 
andern etwas mitfeilen oder vielleicht auch nur seine eigene Vor¬ 
stellung dadurch fixieren, daß er ein äußeres Zeichen macht, das 
ihn an den Gegenstand erinnert. Unter Umständen kann daher 
auch bloß ein Stein oder ein Baumstumpf, den er zufällig vorfindet, 
als ein solches Zeichen dienen, um seine schweifenden Vorstel¬ 
lungen objektiv zu fixieren. Schon hier wird er freilich einen be¬ 
stimmten Stein oder Baumstumpf mit Vorliebe dann wählen, wenn 
er zufällig etwa eine entfernte Ähnlichkeit mit dem Gegenstand 
selbst hat Ganz in diesem Sinne gibt er denn auch den von 
ihm gemachten Zeichen eine gewisse Ähnlichkeit mit den Dingen, 
die sie bedeuten, weniger um sie ihnen ähnlich zu machen, als weil 
sie nun am sichersten zu Merkzeichen der Dinge werden. Darin 
liegt dann zugleich der Grund, daß schon in diesen allerersten 
Anfängen einer zeichnenden Kunst, wenn nur einmal gewisse Um¬ 
risse, die entfernt an ein bestimmtes Objekt erinnern können, 
geläufig geworden sind, die Neigung zu einer weitgehenden Stili¬ 
sierung der Formen um sich greift, infolge deren die Zeichen 
*) Vgl. den Bd. I, Kap. IT, S. 240 abgebildeten Brief eines Indianers, dessen 
Figuren im wesentlichen noch durchaus dieser Stufe der Augenblickskunst angehören, 
während die vorangegangene längere Mitteilung Fig, 33, S. 235 durch die kunst¬ 
vollere Ausbildung und die Aufnahme symbolischer Zeichen schon den Schritt zu 
einer etwas entwickelteren Bilderschrift zurückgelegt hat. 
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