Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Völkerpsychologie: Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 2. Band: Mythus und Religion, 1. Teil [from 2nd ed. on published as vol. 3: Die Kunst and vol. 4: Mythus und Religion, 1. Teil]
Person:
Wundt, Wilhelm
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39774/104/
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Die Phantasie in der Kunst. 
Licht. Aber die Überraschung, daß sie Menschen mit völlig von 
den unseren abweichenden geistigen Anlagen auffinden ließe, hat sie 
uns bis jetzt auf dem Gebiete der Kunst so wenig wie auf dem der 
Sprache bereitet, und man darf daher annehmen, daß alle Hypo¬ 
thesen falsch sind, die mit einer solchen Möglichkeit rechnen, oder 
die, wie das wiederum im gegenwärtigen Falle geschieht, einen 
Urzustand des Menschen konstruieren, fur den die heute gültigen 
Gesetze seiner Natur nicht gelten sollen. 
3. Allgemeine Einteilung der Künste. 
Nach allem dem läßt sich der Versuch einer Sonderung der ver¬ 
schiedenen Gebiete künstlerischer Phantasietätigkeit unmöglich etwa 
auf den Gedanken irgendeiner Entwicklungsfolge derselben gründen. 
Denn obgleich es nicht ausgeschlossen ist, daß gewisse Gebiete des 
menschlichen Lebens und der in diesem sich erhebenden Bedürf¬ 
nisse erst allmählich und manche sogar verhältnismäßig spät in die 
Sphäre der Kunst eintreten, so geschieht dies doch niemals in dem 
Sinne, daß dabei eine völlig neue Form künstlerischer Tätigkeit ent¬ 
stünde, sondern eben nur so, daß aus einer längst vorhandenen 
Form eine neue Kunstgattung hervorgeht, oder daß, wie man das 
gleiche auch ausdrücken könnte, eine der ursprünglichen Kunst¬ 
formen neuen Zwecken dienstbar gemacht wird. In diesem Sinne 
ist in der Tat die Differenzierung der Künste vielleicht eine un¬ 
begrenzte, und die Sonderungen, die auf solchem Wege eintreten, 
sind naturgemäß in den Anfängen der Kunstentwicklung viel ge¬ 
waltiger als später, wo sich die Unterwerfung bis dahin ästhetisch 
gleichgültiger Objekte unter künstlerische Zwecke nur noch in 
engeren Grenzen bewegen kann. So gibt es zweifellos in der Kunst¬ 
entwicklung des Menschen eine Stufe, in der sich die Kunst der 
Ausschmückung von Gebäuden noch nicht bemächtigt hatte. Denn 
solange der Mensch unter Bäumen oder in natürlichen Höhlen sein Ob¬ 
dach findet, oder solange die primitiven Zelte und Hütten nur unter dem 
Zwange des dringendsten Schutzbedürfnisses errichtet werden, gibt es 
naturgemäß auch noch keine Architektur als Kunst. Dennoch ent¬ 
steht diese nicht völlig neu, sondern sie entlehnt überall ihre Motive 
den primitiveren Formen bildender Kunst, die in der Nachbildung
        

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