Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Einführung in die Musikwissenschaft auf physikalischer, physiologischer und psychologischer Grundlage
Person:
Schaefer, Karl L.
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39762/106/
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einzigen sondern mehrere Grundtöne, nämlich die ganze chromatische 
Tonskala von dem tiefsten an bis über dessen Oktave, mit ein und 
derselben Flöte blasen zu können, hat man die Seitenlöcher (s. Fig. 36) 
angebracht. Ist eins derselben offen, so ist der Effekt der gleiche, 
als wäre die Flöte selbst an dieser Stelle zu Ende, da alsdann der 
Schwinguhgsvorgang bereits hier, wie sonst erst an der Mündung, 
auf die freie Außenluft übergeht. Der wirksame Teil der Flöte ist 
mit anderen Worten immer die Strecke zwischen dem Mundloch und 
dem nächsten offenen Seitenloch, und wenn wir diese Strecke mit L 
bezeichnen, die Schwingungszahl des zugehörigen Grundtones wie 
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bei den offenen Labialpfeifen der Orgel gleich r) ^ . 
Hiernach wäre es leicht, für jede gewünschte Grundtonhöhe den 
Ort des zugehörigen Seitenloches am Flötenrohr zu bestimmen. Aber 
ähnlich wie bei den Orgelpfeifen stimmen Theorie und Praxis wieder 
nicht völlig überein. So haben die Seitenlöcher einen geringeren 
Durchmesser als das Lumen des Flütenrohres ; sie sind daher einer 
freien Mündung nicht gleichwertig, sondern als eine solche mit par¬ 
tieller Deckung anzusehen. Da aber eine derartige Deckung ver¬ 
tiefend wirkt, müssen die Seitenlöcher näher, als die Theorie ver¬ 
langt, an das Mundloch herangerückt werden, um die Vertiefung 
durch eine tonerhöhende Verkürzung des Abstandes auszugleichen. 
Auch das Mundloch selbst ist kleiner als der Durchschnitt der 
inneren Bohrung des Flötenrohres und somit praktisch teilweise ge¬ 
deckt, was noch ausgesprochener beim Überblasen in die Erschei¬ 
nung tritt, wobei der Spieler weniger aber rascheren Wind gibt und 
zugleich eben das Mundloch mehr und mehr mit den Lippen deckt. 
Durch das Überblasen werden die harmonischen Obertöne der 
Grundtöne an Stelle der letzteren zum Ansprechen gebracht, was 
— allgemein gesprochen — um so leichter geschieht, je kleiner der 
Durchmesser der schwingenden Luftsäule im Verhältnis zu deren 
Länge ist. Gesetzt, es sei auf der Flöte zunächst einer der Grund¬ 
töne angegeben, so liefert die erste Überblasung dessen Oktave, die 
zweite seine Duodezime, die dritte seine Doppeloktave. 
Gleich den Tönen der Labialpfeifen werden auch jene der Flöte 
höher bei stärkerem Anblasen. Um also die Tonintensität ohne Än¬ 
derung der Höhe steigern zu können, muß der Bläser bei kräftigerer 
Tongebung das Mundloch etwas mehr decken, damit er eine kom¬ 
pensierende Vertiefung erzielt. Überhaupt vermag er durch Wechsel
        

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