Bauhaus-Universität Weimar

2. Keine unnötigen Einschränkungen und Voraussetzungen 439 
(Induktion). Aber es hieße den Sinn und das Anwendungsgebiet der 
W-Rechnung in einer nicht nur unnötigen, sondern auch undurch¬ 
führbaren Weise einschränken, wollte man sie aus ihrer ursprüng¬ 
lichsten und ausgedehntesten Domäne, dem Gebiete individueller, 
konkreter Sachverhalte, verweisen. 
Warum ist es denn aber so absurd, aus empirischen Sterbens- 
oder Verbrechens Wahrscheinlichkeiten auf einen einzelnen Fall zu 
schließen ? Einfach darum, weil die Untersuchung des einzelnen 
lebendigen Falles weit mehr Anhaltspunkte liefert als die unper¬ 
sönlichen papiernen Tabellen. Ob ein 40jähriger Mann noch ein 
Jahr leben wird, dafür sind seine Konstitution und Lebensweise 
maßgebender als die Sterbetafeln. Selbst Versicherungsgesell¬ 
schaften richten sich ja nicht bloß nach ihren Tabellen, sondern 
beauftragen den Vertrauensarzt, sich über wesentliche Punkte der 
Konstitution, chronische Krankheiten usw. des Antragsstellers zu 
unterrichten. Ob ein Angeklagter schuldig ist, hat der Richter aus¬ 
schließlich aus der Gesamtheit aller sorgfältig abgewogenen In¬ 
dizien zu beurteilen. Selbst die Zuverlässigkeit übereinstimmender 
Zeugenaussagen, für welche nach dem Vorgänge Condorcets Poisson 
Formeln entwickelt hat, kann entscheidend nur aus der Psycho¬ 
logie der einzelnen Zeugen heraus beurteilt werden, in deren Aus¬ 
sagen und ganzes Verhalten sich die Richter und Geschworenen 
soweit nur immer möglich vertiefen müssen. Hierüber ist sicÄ auch 
Poisson ganz klar. Er verwahrt sich in der Einleitung seines großen 
Werkes über die Geschworenengerichte ausdrücklich gegen die An¬ 
wendung auf einzelne Fälle. 
Es ist ganz anders beim Würfeln und allen Glücksspielen. Da 
hilft die Vertiefung in die Umstände des einzelnen Falles nichts. 
Umsonst würden wir uns bemühen, die Kausalvorgänge beim Werfen 
so zu durchschauen, daß wir etwas über den einzelnen Wurf daraus 
entnehmen könnten. 
Setzen wir einmal den Fall, es wäre ganz ausgeschlossen, bei 
der Frage nach der Erreichung des 60. Lebensjahres für einen be¬ 
stimmten 40 jährigen Mann oder der Frage nach der Täterschaft 
eines Angeklagten aus der Analyse des einzelnen Falles irgend etwas 
zu erschließen, was zu vernünftigen Vermutungen berechtigte, dann 
würde in der Tat auch da der Schluß aus der statistischen Häufig¬ 
keit nicht so ganz unberechtigt sein und einiges Gewicht erhalten. 
Ob der Schluß jemals zu einer Verurteilung hinreichen würde, ist 
eine andere Frage. 
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