Bauhaus-Universität Weimar

8. Fiktionen 
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begründet, die ja auch schon zugleich eine Philosophie des Als-Ob war, inso¬ 
fern das Unbewußte in dieser Form zweifellos eine Fiktion genannt werden 
muß (die tierischen Instinkthandlungen erfolgen so, als ob sie durch unbe¬ 
wußte Überlegungen geleitet wären usw.): und er hat sie doch selbst bald 
darauf bezüglich des naturphilosophischen Teils korrigiert. Kurz nach Vai- 
hinger veröffentlichte der Schachmeister Lasker* 1 seine „Philosophie des 
Unvollendbar“, allerdings ohne den Philosophen des Als-Ob matt zu setzen 
oder auch nur ein Remis zu erzielen. Aber wäre nicht auch ebensogut eine 
„Philosophie des Einerseits-Andererseits“ möglich und prachtvoll zu belegen, 
oder eine Philosophie des „Entweder-Oder“ (wozu Kierkegaard einen geist¬ 
vollen Anfang gemacht hat), oder eine des „Sowohl-Als auch“ (sie soll schon 
gedruckt sein2), oder eine des „Gewissermaßen“, in der alles Fragwürdige 
und Beschränkte seinen Platz fände, oder des „Nichtsdestoweniger (Und 
doch)“, welche sich ganz besonders zur Lösung der Welträtsel eignen würde, 
z. B. der Äther ist absolut starr, nichtsdestoweniger folgt er den Gesetzen 
elastischer Körper; die Atome sind die einfachsten Körper, nichtsdesto¬ 
weniger sind sie teilbar; Gott ist gut, und die Welt ist seine Schöpfung, 
nichtsdestoweniger herrschen Mord und Totschlag; das Weltgeschehen ist 
unverbrüchlichen Kausalgesetzen unterworfen, nichtsdestoweniger gibt es 
Willensfreiheit; wir sind aus Staub geworden und werden zu Staub, nichts¬ 
destoweniger ist unser Sinn auf die Ewigkeit gerichtet usw. Kurz, die Kant- 
schen Antinomien und alle sonstigen Paradoxien ließen sich elegant in dieses 
Schema bringen. Aber wäre es nicht doch nur eben der Anfang des Philo- 
sophierens, das nach Platons und Aristoteles richtigem Worte aus der Ver¬ 
wunderung entspringt ? Gewiß!, und so ist es auch mit dem Als-Ob: es ist 
die Rückkehr in den Urzustand des wissenschaftlichen Denkens und allen¬ 
falls noch ein Stachel, der uns zwingt, zur Erkenntnis und in ihr fortzu¬ 
schreiten, aber weiter nichts, am wenigsten der „Eckstein der philosophischen 
Erkenntnis“, wie es das aus F. A. Lange entnommene Motto des Vaihinger- 
schen Buches ausdrückt. 
Wenn wir uns so zu scharfem Widerspruch gegen die Als-Ob-Philo¬ 
sophie genötigt finden, so möge doch zum Schluß noch einmal hervorgehoben 
werden, daß dieser Widerspruch nur den Übertreibungen gilt, zu denen eine 
skeptische Zeitströmung ihren Urheber verleitete. Im übrigen hat er nicht 
nur im einzelnen Dankenswertes zur Fiktionenlehre beigetragen, sondern 
auch mit Recht der Unzulänglichkeit und Wandelbarkeit der ephemeren 
bildlichen Vorstellungen Ausdruck verliehen, mit denen sich menschliche Er¬ 
kenntnis so oft behilft. Den eigentlichen Forschern war diese Unzulänglich¬ 
keit niemals ein Geheimnis, aber der breiten Öffentlichkeit und besonders der 
vom vulgären Materialismus angesteckten konnte es nicht schaden, wieder 
Physiologie und Deszendenztheorie. Eine kritische Beleuchtung des natur¬ 
philosophischen Teils der Philosophie des Unbewußten aus naturwissen¬ 
schaftlichen Gesichtspunkten. Berlin 1872, 240 S. — 2. Aufl. Berlin 1877, 
410 S. 
1 Emanuel Lasker, Die Philosophie des Unvollendbar. Leipzig 1919, 
XII, 626 S. 
2 Walter Hueck, Die Philosophie des Sowohl-Als auch. Entwurf 
einer pendelrhythmischen Weltanschauung. Darmstadt 1925, 218 S.
        

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