Bauhaus-Universität Weimar

5. Deterministische Definitionen der Willensfreiheit 
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wobei natürlich Gradunterschiede in der Klarheit und Sicherheit 
des Erkennens möghch sind. Je nachdem das Wollen im gegebenen 
Falle mit der ethischen Erkenntnis übereinstimmt oder nicht, 
nennen wir es gut oder schlecht; aber frei ist es in beiden 
Fällen. 
Was wir hier ethische Erkenntnis oder auch Pflichtbewußtsein 
nennen, heißt populär das Gewissen. Aber das einfache Wort be¬ 
zeichnet nicht einen einfachen Begriff. Daß ahes wahrhaft Gute, 
Edle, Große auf Erden sich durchsetze, ist in abstracto das durch 
sich selbst einleuchtende Ziel aller, die eines guten Willens sind. 
Aber wie dieses Ziel in den verwickelten und wechselnden Lebens¬ 
lagen verwirklicht werden kann, das ist vielfach nur durch längere 
Überlegung oder überhaupt nicht restlos erkennbar. Die Pflege des 
ethischen Denkens gehört selbst zu den ersten Pflichten. Die 
wissenschaftliche Ethik versucht dazu anzuleiten. 
Der Determinist legt Gewicht darauf, die ethische Erkennt¬ 
nis als eine Kraft aufzufassen, die mit variabler Stärke auf das 
Wollen einwirkt. Neben ihr und vielfach gegen sie wirken andere 
(heterogene) Kräfte in Gestalt von Trieben und Gewohnheiten 
mannigfachster Art. Aber mit wachsender Klarheit des ethischen 
Bewußtseins wachsen die Aussichten auf seinen Sieg im Kampfe 
der Motive. Auch entstehen Dispositionen, welche die Kampf läge 
für weitere Entscheidungen günstiger gestalten. Wir unterscheiden 
daher Gradabstufungen der Willensfreiheit vom schwäch¬ 
sten Auf dämmern des ethischen Bewußtseins in einem noch fast 
tierischen Seelenleben, das unter der Alleinherrschaft wilder Triebe 
steht, bis zu den Willenshandlungen der durch gute Anlagen, Er¬ 
ziehung und Selbsterziehung in der Schule des Lebens gereiften 
Persönlichkeit, die den schwersten Kampf mit entgegenstehenden 
Motiven siegreich besteht. Die Entwicklung der Willensfreiheit im 
deterministischen Sinne geht Hand in Hand mit der des Ich und der 
Persönlichkeit, ja sie fällt damit zusammen. Sie ist nicht ein fertig 
angeborener Besitz, sondern ein in ununterbrochener Kausalität 
erwachsendes Produkt des Seelenlebens. Bestände sie in der Fähig¬ 
keit, jederzeit Entgegengesetztes wollen zu können, so wäre, wie 
schon bemerkt wurde, der Gott des Evangeliums das unfreieste 
Wesen, und wir selbst würden mit der Annäherung an den Zustand 
ethischer Vollkommenheit zugleich der Unfreiheit immer näher 
kommen. So aber ist der edelste der Menschen zugleich der 
freieste.
        

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