Bauhaus-Universität Weimar

7. Bewertung, Prüfung und Weiterbildung von Hypothesen 409 
in der organischen Welt. Sie sind also verae causae (abgesehen 
von der Vererbung individuell erworbener Eigenschaften, die 
aber für Darwins Lehre lange nicht so wesentlich ist wie für die 
meisten anderen rivalisierenden Hypothesen). Darwin selbst hat 
den Kreis der bezüglichen Tatsachen noch mächtig erweitert. Aber 
es ist ihm nicht gelungen, in einem einzigen Falle das Zusammen¬ 
wirken dieser Faktoren zur Artbildung ohne Hinzuziehung anderer 
Kräfte nachzuweisen. Und gerade diesen anderen Kräften, um 
deren Aufsuchung die spätere Forschung sich bemühte, fällt offen¬ 
bar die Hauptlast der Erklärung zu, soweit von einer solchen über¬ 
haupt bisher gesprochen werden kann. Aber man wird nicht sagen 
können, daß die Hypothese von Anfang an eine schlechte ge¬ 
wesen sei1. Darwin hat sich also streng an die régula philosophandi 
seines Cambridger Ahnherrn gehalten: er hat wahre Ursachen an¬ 
gegeben, und er hat nicht mehr angegeben, als zu dieser Erklärung 
der Erscheinungen nötig war. Aber freilich: er hat weniger an¬ 
gegeben. Und im Grunde müßte auch Newtons Regel so erweitert 
werden: nicht mehr aber auch nicht weniger Ursachen, als zur Er¬ 
klärung der Erscheinungen genügen. Aber das letztere betrachtete 
Newton als selbstverständlich, da man eben sonst von einer Er¬ 
klärung überhaupt nicht reden kann. 
Wir nannten als Vorzug einer Hypothese neben der vor¬ 
gängigen Wahrscheinlichkeit auch ihre Bequemlichkeit, d. h. die 
Leichtigkeit der Konsequenzenziehung. Da Hypothesen nur Hilfs¬ 
mittel und nicht selbst schon Erkenntnisse sind, ist dies ohne 
weiteres verständlich. Niemals freilich wird die Bequemlichkeit ein 
Grund sein, an eine Hypothese zu glauben. Aber man wird selbst 
gegenüber an sich wahrscheinlicheren Hypothesen eine hervor¬ 
ragend bequeme zunächst vorziehen und ihr nachgehen, um sie im 
Falle des Versagens auszuschalten, wodurch dann nach den Wahr¬ 
scheinlichkeitsgesetzen die Wahrscheinlichkeit der übrigen ver¬ 
größert wird. Es ist mir vielleicht nicht sehr wahrscheinlich, daß ein 
verlorener Gegenstand im Nebenzimmer liegt, viel wahrscheinlieher, 
1 Erscheint sie uns auch in ihrer ursprünglichen Form vielleicht ge¬ 
radezu grotesk, so versteht man doch die Animosität nicht, mit der ein Ge¬ 
lehrter wie Oskar Hertwig die Forschereigenschaften ihres Urhebers herab¬ 
zusetzen versucht. Schließlich ist es doch Darwin und keinem anderen 
gelungen, der Entwicklungsidee zum Durchbruch und definitiven Siege zu 
verhelfen, und seine Zeitgenossen wußten wohl, warum sie sich von seinen 
Forschereigenschaften so haben imponieren lassen.
        

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