Bauhaus-Universität Weimar

794 
§ 30. Kausalität in der organischen Natur 
13. Unmöglichkeit der Theodizee 
Unter allen mit dem Zweckbegriffe verknüpften Problemen ist 
das schwierigste und am meisten umstrittene das der Theodizee, 
d. h. der Rechtfertigung des höchsten Wesens gegenüber den 
Übeln des Weltlaufs. Zwecke können, wenn wir unsere empirischen 
Begriffe zugrunde legen, nicht gesetzt und nicht verwirklicht werden 
außer auf Grund eines Fühlens und Wollens. Ist nun die Intelligenz 
eine unendliche, so ist es kaum anders möglich, als auch die ethische 
Vollkommenheit ins Unendliche gesteigert zu denken, und damit 
entsteht das Problem. 
Wir definierten die Naturzweckmäßigkeit, zunächst die orga¬ 
nische, als das Angepaßtsein der Einrichtungen an die Zwecke der 
individuellen Erhaltung und der Erhaltung und Weiterbildung der 
Arten. Aber das bloße Dasein, auch das lebendiger Wesen, kann 
man nicht wohl als einen Zweck ansehen, der seinen Wert in sich 
trägt. Nicht das Leben an sich, sondern nur ein irgendwie preis- 
würdiges, vollkommenes Leben (nicht das Çfjvi sondern das e$ Çfjv) 
kann Selbstzweck sein. Als ein vollkommenes Leben erscheint uns 
aber zunächst ein ,,glückliches“ im Sinn überwiegender Lust¬ 
gefühle und eines ethisch hochstehenden, wertvollen Lebens. Sind 
nun die Natureinrichtungen und die Bedingungen des Lebens auch 
in dieser Richtung zweckmäßig zu nennen ? Wir schalteten Be¬ 
trachtungen darüber aus der Besprechung der Naturteleologie zu¬ 
nächst aus, aber sie kehren unabweisbar wieder. 
Man mag die Schilderungen der Pessimisten wie Schopen¬ 
hauer und E. v. Hartmann für tendenziös oder unter dem Einfluß 
eines galligen Temperaments übertrieben erklären, man mag an 
Voltaires spöttischem Ton Anstoß nehmen (obschon er die Zweck¬ 
mäßigkeit der Natureinrichtungen und die Realität einer höchsten 
Intelligenz emphatisch bejahte): die kritischen Einwürfe Bayles, 
Humes und Lotzes1 wird jeder, der diese Fragen unbefangen über¬ 
denkt (und welcher Tieferangelegte könnte sie umgehen?), als 
schwer oder gar nicht lösbar empfinden. Zur Verteidigung hat 
nach Leibniz’ großem Werk noch einmal Brentano (a. a. O.) das 
1 Bayle, Dictionnaire philosophique. Hume, Dialoge über die natür¬ 
liche Religion. Lotze, Grundzüge der Religionsphilosophie (Diktate, 
2. Aufl., Leipzig 1884). Humes postum erschienene Dialoge gehören zu den 
größten Meisterstücken scharfsinniger Analysen. Lotzes Kritik wiegt um 
so schwerer, als er bekanntlich seiner metaphysischen Grundanschauung 
nach auf der positiven Seite stand.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.